Sonnenaufgang


Ein neuer Tag legt sich über mich und ich bin auf dem Weg zurück. Das Ende der Allee lässt mich die Ferne ahnen, möchte, dass es mich weiter trägt als bis zu mir nach Haus. Doch schon als die Frau des besoffenen Wirtes die Stühle hochstellte, die Scherben seiner Spülversuche wegwischte, da befiel mich der letzte Schwung, der bis in mein Bett reichte. Aufgerappelt, noch zum Gehen tauglich, legte ich mir zuvor die Musik aufs Ohr und zog davon, die Zeitblende flackerte im Morgensonnenrot:

Die Straßenlaternen gingen aus, die letzten Überreste einer langen Nacht zogen durch die leeren Straßen der City. Da kam auf der Gegenfahrbahn ein gelber Bus mir entgegen und hielt direkt neben mir. Der Fahrer fragte mich nach dem Weg zu Rock am Ring oder zum Meer, egal wohin. Nur weit sollte es sein. Sein einziger Fahrgast war ein Mann im blauen Overall. Er lag gefesselt und geknebelt auf der Rückbank des Busses. Ich erkannte ihn als den Hausmeister und ja es war meiner. So gut ich es konnte, erklärte ich ihm den Weg und wollte schon weitergehen, als der Busfahrer mich verwundert ansah: „Wo willst du denn hin? Jetzt steig mal endlich ein hier! Ich werde nicht fürs Rumstehen bezahlt. Sei aber leise! Der da hinten schläft besser mal noch ne Runde. War das ein Akt, den hier rein zu bekommen und stillzulegen!“

Ich schaue noch verwirrter zurück zum Busfahrer, steige aber nach kurzem Zögern ein. Die Sonne stand jetzt schon etwas höher und blickte frontal durch die Windschutzscheibe. Der Bus fuhr los und das Flackern ging weiter. Ich befinde mich in einem amerikanischen Schulbus. Die Sitze sind schon etwas älter, bemalt und vergilbt. Es riecht nach vergangener Jugend. Der Hausmeister schnarcht friedlich in seinen Knebel hinein. Warum musste der  Busfahrer den auch mitnehmen? Diesen pedantischen Querulanten! Er verfolgte mich immer, nur um seine krankhafte Ordnungssucht an mir zu stillen. Er war mein personifiziertes schlechtes Gewissen, das Gegenteil aller Impulsivität, der Jurist und Paragraphenreiter in meiner sonst so aufgeklärten Vernunft. Als ich den Busfahrer frage, brummt der nur müde: „Vorschrift!“ Als er meinen enttäuschten Blick sieht, sagt er: „Hey Junge, ich mach auch nur meinen Job. Bin jetzt seit zwei Jahren hier und seit ich in der Gewerkschaft bin, krieg ich nur noch die Dreckjobs. Nix gegen dich Junge. Aber das hier mache ich normal nicht am Wochenende und für Umme. Die Überstunden, das kannste mal grad abhaken, dass ich die je ausbezahlt bekomme!“ „Ist schon gut! Ich beschwer mich ja nicht. Es ist nur der Kerl dahinten. Ich kenn den schon länger und wir haben, sagen wir mal, einen nicht so tollen Start hinbekommen. Seitdem hasst er mich. Würde jetzt zu lange dauern, das alles zu erklären.“ „Verstehe, aber Vorschriften sind halt Vorschriften und gehören zu meinem Job.“ Ich nicke und schlafe ein.

Als ich aufwache, ist es 10 Uhr. Ich hatte wohl ca. drei Stunden geschlafen. Ich stehe auf, lege die Bettdecke zusammen und gehe duschen. Hinter dem Duschvorhang kommt mir erst der Gedanke, dass der Busfahrer, mich doch nach Hause gefahren haben muss. Erst jetzt erkenne ich meine Wohnung und werde wach. Er wollte doch so weit weg fahren und kam gerade mal bis Alt-Saarbrücken. Ich mache mir einen Kaffee und schalte das Radio an: “ Die neuesten Meldungen! Saarbrücker Hausmeister verhaftet! Heute morgen meldete ein Busfahrer in Saarbrücken, das ein Hausmeister ihn und seinen Fahrgast überwältigt und entführt hatte. Der Busfahrer konnte sich befreien und die Polizei verständigen. Von dem Fahrgast in den Mittzwanzigern fehlt weiter jede Spur. Den Bus hat man mittlerweile in der Saar gefunden. Zu den Beweggründen ist nur bekannt, dass der Hausmeister geschrieen haben solle: Keine spontanen Experimente!“

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