Die Analogfrau und der Stereotyp


Oberhalb des in Strümpfe oder Jeans gezwängten Formschinkens hängen die Extensions über millimeterdicker Schmink- Panade. Die gegelte Surferpomade gesellt sich hinzu und reibt sich erogen an das Formfleisch und artikuliert mit stoßenden Bewegungen seine Paarungsbereitschaft. Aufgeplusterte Haarteile, steife Hosen, kurze Röcke und nur kurz Rockmusik tanzen durch den Raum. Die Luft steht und ihr „Hi!“ geht in lauten, synthetischen PC-Rhythmen und seinem gebrüllten „Was?“ unter. Die Disko bebt. Die einen wollen saufen und tanzen, jemanden kennen lernen. Die andern wollen saufen und tanzen und ficken. Aber alle wollen sie Spaß in der Menge. Die, die reden wollen, gehen raus zum Rauchen oder verstehen sich kaum. Die andern brüllen sich ihre eindimensionale Silbenarmut um die Ohren. Ich gehe zur Toilette und wate durch einen seichten Film aus Pisse. Dann möchte ich nur noch saufen und bloß niemanden mehr kennen lernen oder sie anschreien müssen. Selbst mein „Hey, sind wir schon so lange zusammen oder warum schreien wir uns an?“ ging zuvor in einem „Was? Nochmal bitte!“ unter. Sie sagte noch etwas, aber ich verstand sie nicht und ging weiter, lächelte und zwinkerte noch mal zum Abschied. Sie mischte sich in die Menge und tanzte mit irgendeinem der Stereotypen.

Ich schaue mich um. Fast alle Tanzbewegungen und Outfits schreien „Fick mich!“ oder „Lass mich ran!“. Endlich ein Rocklied! Doch da war nichts von der Atmosphäre auf Hallen- oder Open- Air- Konzerten, nichts von dem Kneipenfeeling, der Garten- oder WG-Party. Neben denen, die krampfhaft versuchen, weiter ihre Annäherungsversuche mit niveauvollen Spaßsignalen zu versehen, gibt es vereinzelt lustige Gruppentänze, spritzen Bierfontänen auf die Umstehenden. Ich halte mich an meinem Getränk fest und spiele nickende, mal singende oder lächelnde Statue. Es riecht nach Schweiß, Haarspray, Parfum, Bier und kaltem Rauch. Ich beobachte mein Umfeld und frage mich, welche der Stummen wohl eine gute Partie wäre. Neben all den aufgetakelten Analogfrauen gab es auch natürlich schöne Frauen. Sie standen bei ihren Freunden oder tanzten. Aber auch sie blieben alle stumm und hatten mir bis auf ein paar optische bis sexuelle Eindrücke nichts zu sagen. Der Alkoholpegel stieg langsam an und tauchte mein Stimmungsbarometer mit einem Mal in Melancholie. Während ich die Analogfrauen betrachte, die sich mittlerweile von ihrem Stereotypen an den Arsch fassen und sich die Zunge in den Hals stecken lassen und während andere sich nur weiter seinen Latz an ihren Arsch reiben lassen und mit erhobenen Armen ihre Brüste schütteln, bin ich längst in Gedanken weit weg, an einem anderen Ort.

Ich bin an einem Ort, an dem der Rocksong eine würdigere Umgebung vorfinden würde. Ich bin dort, wo man sich noch kennen lernen kann, wo der Kuss das Ende eines Satzes und nicht eines Tanzes ist. Ich bin dort, wo der Tanz die gemeinsame, exzessive, impulsive Antwort auf gute Musik und nicht auf zwei wackelnde Backen ist. Und wenn mich dort der Drang befiele, der Welt zu zeigen, wie gut ich mich an eine Frau im Rhythmus der Musik schmiegen kann, dann hätte ich zuvor vielleicht mehr als ein paar Blicke und Worte mit ihr getauscht. Vielleicht wüsste ich ihren Namen und vielleicht hätte ich mich mit ihr sogar verabredet, hätte schon mehr als analoge Optik an ihr entdeckt. Ich nehme mir vor, das nächste Mal Eindollarnoten in die Disko mitzubringen, mich in jeden analogen Tanz zu stürzen und am Ende je einen Dollar in ihren Ausschnitt und meinen Hosenlatz zu stecken. Doch heute bin ich hier in der Disko und bin noch der alte Stereotyp, der sich an den Stehtisch stellt, um mit seinen Freunden Lieder mitzugrölen, hin und wieder abzurocken, nicht tanzen und einen zu trinken.

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