Warum Hunde wie Männer sind


Man sagt doch, dass Männer wie Hunde seien, geschlechtsteilfixiert, jedem Ball und Stöckchen nachlaufend, verspielt, verschmust, treudoof ihrem Rudel ergeben und so fort. Ich werde Euch nun erzählen, warum Männer nicht wie Hunde sind, sondern es genau umgekehrt ist und wie es sich zutrug, dass Wölfe Hunde und wie Männer wurden.

Es war vor vielen tausend Jahren, als wir Menschen noch Jäger und Sammler waren. Die Wölfe waren noch unter sich und erbitterte Konkurrenten der Frühmenschen, die anfingen, sich Waffen zu bauen und Jagd auf all die Beutetiere des Wolfes und sogar auf Mammuts zu machen. Da begab es sich, dass in einem äußerst harten Winter viele Beutetiere hungern mussten und starben. Bald gab es für Jäger wie Räuber kaum noch Beute zu machen. Da kam der Rat der Alphawölfe zusammen und beriet sich, was man tun könnte:

„Die Menschen sind schuld! Sie erbeuten mehr, als sie als Nahrung brauchen und weil kaum noch Mammuts zu finden sind, machen sie auf alles Jagd, was uns ernähren könnte!“, knurrte Rex, der König unter allen Alphawölfen. „Was sollen wir dagegen unternehmen?“, fragte er in die Runde.

„Sie umbringen! Sie zerfleischen! Wir sind die Stärkeren. Wir haben das dickere Fell!“, brüllten die meisten unter ihnen. Die Stimmung heizte sich immer mehr auf. Hunger wurde zu Hass und ihre Augen färbten sich blutrot. Sie wetzten ihre Zähne, jaulten und brüllten, zeigten ihre Muskeln und ließen sie spielen. Einige gingen sogar aufeinander los, weil sie darum stritten, wer der Mutigere, der Härtere sei und wer sie im Krieg gegen die Menschen anführen sollte. Rex setzte sich durch und beruhigte sein Rudel. Nun beratschlagten sie, mit welcher Strategie sie den Menschen den Garaus machen könnten. Wieder gab es Fleisch zerreißenden Streit. Die einen wollten zuerst die leicht angreifbaren Weibchen der Menschen vernichten, um die Männer zu isolieren und von Versorgung, Nachschub und Nachwuchs zu trennen. Die anderen, die meisten aber, darunter die Ranghöchsten, Stärksten und auch Rex wollten sich lieber direkt dem ärgsten Feind stellen, den offenen Kampf suchen.

Nur ein Wolf hatte sich längst, noch während die anderen stritten, abgesondert. Es war Lupulus, der kleinste der Alphawölfe, der nur wegen seiner Schlauheit von den anderen im Rudel als ranghohes Tier geduldet wurde. Die meisten belächelten ihn aber, beschwerten sich, dass er nur Ideen hätte, aber wenn es zur Sache ginge, nichts im Kampfe ums Überleben beizutragen hätte. Lupulus hatte mehrmals seine Stimme erhoben, doch die anderen waren so wild vor Hunger und Tatendrang, dass sie ihn auf den Rücken warfen und er sich notgedrungen unterwerfen musste. Er sah ein, dass es keinen Zweck hatte, seine Artgenossen, seine Familie noch zur Vernunft zu bringen, gar zu retten. Er hatte ihre impulsive Dummheit satt. Also verließ er die Ratssitzung und schlich in Richtung des Jägerlagers einer kleinen Menschengruppe, das er schon vor ein paar Tagen nicht weit vom Liegeplatz ihres Rudels entfernt ausgekundschaftet hatte.

Schon seit längerer Zeit bewunderte er die Entwicklung, die die Menschen gemacht hatten, wie effektiv sie jagten und welche Verbundenheit ihr Rudel auszeichnete. Lupulus fragte sich nun, wie er sich und seiner Familie das zu Nutze machen konnte, was man von den Menschen lernen könnte. Er kam am Lager der Menschen an und versteckte sich in einem Gebüsch. Es war Abend und die Jäger hatten bereits ein Lagerfeuer entfacht, scherzten und lachten. Manche rauften und schienen sich um ein rundes Strohbüschel zu streiten, das sie sich zuwarfen und dem sie hinterher jagten. Lupulus saß geduckt im Unterholz und sah verblüfft den spielenden Männern zu. Es schien Spaß zu machen, was die Menschen da trieben. Einige übten auch, mit ihren langen Stöcken zu werfen. Dabei war keine Beute zu sehen, die sie mit ihren Stöcken für gewöhnlich aufzuspießen pflegten. Die Jäger schienen aus Spaß Stöcke zu werfen und so ihre Zielsicherheit zu üben. Jeder kuriose oder gelungene Wurf wurde bejohlt. Nun kamen auch einige Frauen hinzu und saßen sich je zu einem Mann. Es gab keinen Alphamenschen, der alle Weibchen für sich allein beanspruchte. Dafür umsorgten die Menschenpaare sich nun gegenseitig, versorgten ihre Wunden, pflegten ihr spärliches, dafür am Kopf sehr langes Fell und schmiegten sich am Feuer aneinander. Die Jäger schienen enorme Kraft aus der Verbundenheit zueinander und zu ihren Weibchen zu schöpfen, überlegte Lupulus. Insgesamt kam das Verhalten ihm befremdlich und merkwürdig vor.

Lupulus schlich wieder davon, wollte aber nicht zu seinem Rudel und Liegeplatz zurückkehren. Er wollte warten, bis die Hitzköpfe und vor allem bis Rex und Konsorten sich beruhigten. Er legte sich in eine verlassene Höhle und schlief ein. In der Ferne ertönte das Heulen des Wolfrates und die Stimme Rex‘ drang weit über Wald und Land.

Plötzlich schreckte Lupulus auf. Überall waren Schreie von Menschen und Wölfen zu hören. Schnell rannte er über die weitläufige Steppe hin zu der Waldlichtung, wo sie sonst immer schliefen. Doch noch bevor er ankam, erstarb das Jaulen, Bellen und Knurren der Wölfe und das Johlen der Menschen brandete an den Waldrand, an dem Lupulus nun endlich angelangt war. Panik machte sich in ihm breit. Die Weibchen in seinem Rudel hatten gerade erst geworfen. Unheimliche Stille machte sich nun breit und hüllte den nächtlichen Wald in dunkles Bangen.

Panisch hetzte Lupulus in das dunkle Dickicht hinein. Doch er kam zu spät. Die Lichtung war übersät mit Blut und toten Wölfen. In der Mitte lag ein Haufen toter Wölfe und ein spitzer Stock steckte in seiner Mitte. Oben auf war der Kopf von Rex aufgespießt. Lupulus erkannte, dass ausschließlich die männlichen Tiere und stärksten Weibchen auf dem Haufen lagen. Allen war das Fell abgezogen worden. Lupulus taumelte benommen über die Lichtung, fiel über die Leichen seiner Familie, seiner Freunde und sackte an seiner Schlafkuhle zusammen. Es roch hier immer noch nach ihm. Plötzlich jaulte unter ihm etwas auf. Schnell sprang er auf. Da lagen die zwei Welpen von Akara, der Alphawölfin, zusammengekauert und verängstigt, hungrig und nach ihrer Mutter wimmernd. Lupulus nahm sie am Kragen und trug sie davon zu seiner verlassenen Höhle. Sie waren zum Sterben verurteilt. Ohne Rudel war es kaum möglich, genug Beute zu machen, geschweige denn die Kleinen durchzufüttern.

In den ersten Tagen hielt Lupulus sie mit gefangenen Ratten, Mäusen und Wachteln über Wasser. Doch es wurde immer schwerer, genügend Futter aufzutreiben. So verließ er mit den Welpen im Maul die Höhle und ihr altes Revier. Tagelang streiften sie umher und fanden kaum Nahrung. Abgemagert, ausgehungert und todmüde rasteten sie eines Abends auf einem baumbehangenen Feldhügel. Plötzlich flackerte ein Feuer auf und Stimmen, Gelächter waren zu hören. Durch den Rückenwind hatte Lupulus die Witterung der Menschengruppe nicht wahrgenommen. Panisch schreckte er hoch, doch jetzt drehte der Wind und er roch Futter. Langsam schlich er an die Menschen heran und suchte in ihrer Nähe Deckung. Die Welpen hatte er in einer Erdmulde versteckt. Es waren nicht die Menschen, die sein Rudel auslöschten. Aber auch sie johlten und spielten, da warf ein Mann einen Strohballen direkt in die Richtung, wo Lupulus lag. Der Ballen kam direkt vor seiner Nase auf. Schon rannten einige Männer wie wild auf ihn zu. Er konnte nicht mehr entkommen.

Schnell ergriff er den Ballen, sprang aus seiner Deckung hervor und brachte ihn dem ersten heranstürmenden Mann, legte den Ballen ab und warf sich unterwürfig auf den Rücken. Die hinteren Männer erkannten den Wolf und warfen schreiend ihre Stöcke nach ihm. Lupulus überlegte kurz, wie er aus dieser misslichen Lage entkommen könnte. Fliehen schien in seinem Zustand nicht mehr möglich. Er war zu schwach. Also sprang er kurzerhand auf, nahm sich einen der Stöcke und brachte ihn genau dem Mann zurück, der ihn geworfen hatte, legte sich hin und wedelte aufgeregt mit seinem Schwanz. Sein Herz schlug heftig und er starrte hechelnd den Mann an, der ihn wohl nun gleich töten würde. Doch alle um ihn herum waren sehr erstaunt über das seltsame und doch so vertraute Verhalten des dürren, kleinen Wolfes vor ihnen. Einen so kleinen, erbärmlich wirkenden Wolf hatten sie noch nie gesehen. Nach einer schier ewig dauernden Minute des Schweigens brachen alle Männer um Lupulus herum in lautes Gelächter aus, schüttelten sich, warfen sich auf den Boden. Lupulus zögerte, schien aber begriffen zu haben. Um aber sicher zu gehen, hastete Lupulus noch einmal zum Strohballen, nahm ihn und brachte ihn demselben Mann, warf sich ihm zu Füßen und rollte sich dort ein. Er schmiegte seinen Kopf an den Mann, ganz wie er es bei den Weibchen der Menschen gesehen hatte. Da lachten die Männer noch mehr und warfen Lupulus ein Stück Fleisch hin.

Lupulus und auch die Welpen  wurden so von den Menschen aufgenommen und nach einer kurzen Phase gegenseitigen Misstrauens entwickelte sich eine tiefe Freundschaft zwischen dem Mann und Lupulus.

Lupulus war der erste Hund und der letzte, der ein Wolf war. Schon die Welpen imitierten alle Verhaltensweisen der Männer und so kam es, dass die Hunde entstanden und wie Männer wurden. Es war der Drang, letztlich zu überleben und die Schlauheit, sich evolutionär fortzuentwickeln. Es waren die Begeisterungsfähigkeit und Schläue von Lupulus, die dafür sorgten, dass sich die Hunde dem Siegerteam unter den Räubern anschlossen und blieben.

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