Auszug aus „Konfusius sagt“, Kapitel I, iwann um 2008


Konfusius sagt!

Philosophie zum Mitkotzen

Von El Niño

„Philosophie ist die Kunst, sich beim Traumtanzen mit sich selbst zu erwischen, nur um dann völlig ungeniert auf die Füße seiner multiplen Tanzpartner zu treten.“

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Kapitel 1: Der Mensch als Gewohnheitstier

Tagespost

Am schwarzen Bretterpfahl klebt eine dunkle Erinnerung. Dazwischen schwebt Alltagsgekrakel um persönliche Notizen. Ich nehme keine Notiz mehr von all dem altem Grau. Den Gedankensalat sortierend platziere ich das schwarze Brett vor meinem Kopf und winke der Lücke im Zaun. Der Hausmeister schreit: „Hey du da, her mit dem Pfahl!“ Schnell renn ich auf und davon und lasse aus Versehen einen Gedanken fallen, über den ich auch prompt stolpere. Während ich mit einem dumpfen „T“ zu Boden gehe, holt mich der Hausmeister ein und haut mir sämtliche unterwegs abgeflatterten Erinnerungen um die Ohren, bis mir die Lichter ausgehen. Schwer verkatert raffe ich mich auf und sammele meine Tagespost ein, die mir die Briefträgerin mal wieder über Nacht an den Schädel gezettelt hatte. Da frage ich mich: „Wer hat mir das wieder an die Stirn gepinnt?“ Bei näherem Hinsehen stelle ich fest: Alles alte Rechnungen längst insolventer Versandhäuser! Musste ich mir damals auch unbedingt ein unkündbares Abo aufschwatzen lassen! Die ersten Erinnerungsausgaben in Händen haltend schaue ich auf alles gute, was je von ihr kam und frage mich: „War es das wirklich wert? Die letzten Hefter sind echt übelster Schrott.“ Ich ziehe mir die letzte Ausgabe aus der Rübe und lese eifrig zwischen den Zeilen. „Nein! Das war es nicht wert.“ Doch als grundsatztreues Gewohnheitstier friemele ich mir die Sonderausgabe mit dem Trennungsposter zurück zwischen die andere Haftpost und hau mir noch schnell ein, zwei Reißzwecken rein. Dann trage ich weiter schweren Herzens meinen sehr kopflastigen Holzweg spazieren.

***


„Nichts ist gewöhnlich, anfangs.“

Wie sehr man doch an alten Dingen hängt. Schaut man einmal im Keller, den Schubladen, Schränken oder auf dem Speicher nach all den Gegenständen, die man nicht jeden Tag braucht, dann wird man oft verwundert sein, was man dort noch für Schätze finden kann. Schätze? Würde man diese Dinge einer fremden Person zeigen, würde sie nur fragen, warum man ihr diesen alten, miefigen Plunder unter die Nase hält. Doch man selbst schweift längst in vergangenen Erlebnissen umher und schaut einen Moment lang selig auf den Unrat, den man sonst keine Minute am Tag benötigt, geschweige denn einen Gedanken daran verschwendet. Man hat vielleicht schon einen Müllsack bereitgestellt, weil man endlich mal den alten Krempel ausmisten wollte. Doch da überkommt einen plötzlich ein ungeahnter Zauber und die Arme werden zu Blei bei dem Gedanken an das eigentliche Schicksal, das man eben noch dem Gegenstand zugedacht hatte. Wieso wegwerfen? Man könnte es vielleicht irgendwann ja noch einmal gebrauchen! Alles gelogen! Es ist nicht der Gegenstand, der so unglaublich wertvoll ist. Nein, nach allen gängigen Maßstäben hätte er selbst auf dem Trödelmarkt nur geringe Verkaufsaussichten. Es ist die Erinnerung, die wie Patex an dem ollen Stück haftet und die wir nicht loswerden wollen. Wie ein geheimer Bann hat sich das Erlebte auf den alten Gegenstand gelegt und beschützt ihn einer uralten, unbekannten Macht gleich. Wieso fällt es uns nur so schwer, sich von alten Dingen zu trennen? Es ist die Gewohnheit oder besser: es sind unsere Erinnerungen. Sie geben uns den Wert für alles, mit dem wir in Berührung kommen, Gegenständen, Situationen, Menschen. Was bewahren wir uns auf? Das, was uns einmal glücklich, fröhlich machte, und sei es die alte Video-CD mit diesem schrecklichen Musicalfilm, einem Genre, auf das ich  im Normalfall getrost verzichten könnte. Doch dieser eine Film war ja doch gar nicht so abstoßend! Hab ich doch in den Armen meiner damaligen Freundin gelegen und haben wir nicht etwa wundersam schöne 90 Minuten verbracht? Dass mich mittlerweile ein unbändiger Hass auf meine Ex, die T-Frau auszeichnet, spielt plötzlich auch keine Rolle mehr. Nein, in meinen Händen halte ich 90 Minuten Glück. Ich schiebe das Video ins Laufwerk und drücke auf play, doch nichts ist wie damals. Aber wegwerfen kann ich das Video auch nicht. Was ist nur los? Die Erinnerung schien sich damals auf die CD eingebrannt zu haben, so dass es sie auslöschen könnte, sollte ich die CD zerstören. Ein schmerzhafter Gedanke, das gebe ich zu. Allerdings liegen da noch gefühlt tausend andere Dinge, die ich dem Schrott zukommen lassen wollte. Stunden später liegen vor mir drei Haufen. An dem einen hänge ich zu sehr, den anderen halte ich für irgendwann noch brauchbar und an den dritten, den kleinsten, habe ich wahrscheinlich zu wenige Erinnerungen. Also weg damit! Was ist hier passiert? Richtig, mein Hirn hat mir wieder mal einen Streich gespielt. Die Wahrheit ist nämlich, dass ich davon gar nichts mehr brauche, ganz abgesehen von dem Zeug, das während meinem Aufräumkampf heimlich zurück in den Kisten, Schränken oder gar in meiner Hosentasche verschwunden ist.

Wie konnten so banale, also vermeintlich gewöhnliche Dinge zu solch ungewöhnlichen Besonderheiten mutieren? War es bloße Gewohntheit oder ihre spezielle, individuelle Ungewöhnlichkeit, die mir solch dicke Steine in den Weg legten?

Es bleiben letztlich nur Erinnerungen, gelöst von jeder Materie. Sie eichen uns, justieren unsere Maßstäbe, machen uns individuell, formen unseren Charakter. Sie wegzuwerfen, käme einer Selbstverstümmelung gleich. Daher wachen wir über sie und nehmen einen tiefen Schluck vom Leben, sobald sie aufgefrischt werden, fühlen uns so lebendig wie lange nicht mehr. Es ist egal ob traurig oder glückselig, sie sind in uns. Sie sind wir und ohne sie, sind wir nichts, sind gewöhnlich, anfangs.

***

Des Hausmeisters Erinnerungsmessi

Langsam schlich ich den Flur entlang, immer nach einem blauen Overall Ausschau haltend. Allerdings war dies nicht gerade leicht, da ich all mein Gepäck mit mir schleifen musste. In der Eile konnte ich nur wenige Gegenstände zusammenpacken und war dazu gezwungen, das meiste von meinem Hab und Gut zurückzulassen. Überall verstreut lagen sie herum, meine Erinnerungen, das, was mich einst auszeichnete, was mich an diesen Ort band.

Da, ein Geräusch! Vorsichtig lugte ich um die Ecke in den nächsten Gang. Nur wenig Licht drang durch den Blättervorhang vor dem kleinen Fenster am Ende des Flures. Die Sonne war gerade erst aufgegangen. Mein Dorf schlief noch tief und fest. Nur vereinzelt waren die müden, gedämpfte Schritte der Pendler zu hören. Die ganze Nacht hatte ich im Dunkel ausgeharrt, immer auf den einen Moment wartend, in dem der Hausmeister den entscheidenden Fehler beging und mir den Weg zur Flucht freigab.

Da bog er auch schon um die Ecke und kam direkt auf mein Versteck zu. Gleich würde er mich stellen, schoss es mir durch den Kopf! Unwillkürlich musste ich an den Anfang dieses ganzen Dilemmas zurückdenken. Ein greller Halogenkegel, eine Faust! Die Bilder verschwammen:

Es war Abend und ich war gerade dabei, meine Wohnung auszumisten. Überall hatte ich die Regale und Schränke ausgeräumt, so dass nun der ganze Boden unter meinem Krempel ächzte. Da waren sie, Fotos, Gedichte, Geschichten, Schriften aus Studium, Schule, Bücher, gebrannte CDs und vieles mehr, das mir zum Souvenir meines Lebens geworden war. So was wirft man doch nicht weg! Zwangsräumung, pah, schäumte es in mir! Am nächsten Morgen sollte ich laut Urteil mein Heim entrümpelt verlassen und das nur, weil ich angeblich gegen die Hausordnung verstoßen hatte! Ich hätte die Wohnung zugemüllt mit meinem Lebensgut -und Pfand und man befand so, dass ich ein Erinnerungsmessi sei. Ich  sei da auch unheilbar und damit vertraglich nicht mehr vertragbar! Man hatte mir schon vor Monaten gekündigt. Dieser

blöde Hausmeister hatte erst alles ins Rollen gebracht. Er war derjenige, der sich beim Vermieter beschwert hatte und das nur, weil er angeblich ständig über mein Zeugs drüber fiele. Ich hatte es doch nur neben den Mülltonnen abstellen müssen, weil die zu selten geleert wurden! Darauf hatte man mir verboten einfach soviel Müll anzuhäufen. Die haben gut Reden! Sollen die sich doch mal mit dem ganzen Quatsch rumschlagen. X-mal hatte ich zusätzliche Container beantragt, aber nein! Das sei schließlich nicht ihre Aufgabe und darüber hinaus viel zu teuer!

Wie auch immer, Fakt war, dass ich daraufhin angefangen hatte, soviel Müll, wie ich konnte, in meiner Wohnung zu verstauen und so vor den Blicken des Hausmeisters zu verstecken. Dumm nur, dass der Hausmeister mich eigentlich schon seit unserer ersten Begegnung, dem Haftnotizzwischenfall, auf dem Kicker und mich seitdem nicht aus den Augen gelassen hatte. Wo ich auch hinging, hinter irgendeiner Ecke lauerte er und protokollierte jedes noch so kleine Atom Müll, das mich anstrahlte und das ich so notgedrungen mit nach Hause schleppte.

„Wie oft habe ich ihnen gesagt, sie sollen sich von ihrem Müll trennen, und zwar richtig! Den Alltagsschutt in die braune, den Privatballast in die rosafarbene und den Berufsschrott in die schwarze Tonne und nicht daneben! Wenn ich sie noch einmal erwische, wie sie alles von draußen hier reinschleppen, gibt’s Ärger! Und schmeißen sie endlich diese Haftnotizzettel weg! Ständig flattern sie ihnen von ihrem Weichschädel und verdrecken mir den Boden! Was denken sie, wer das wohl alles aufräumen darf? Das hier! Sehen sie das? Das ist Sachbeschädigung!“ Wild fuchtelte er vor meinen Augen, da riss ich ihm den abgebrochenen Zaunpfahl aus der Hand und warf ihn in die rosa Tonne, den Pfahl, nicht den Hausmeister.

Das war das Ende vom Anfang und ab dann begann der Prozess. Ich war aufgeflogen und wurde aufgrund eines Indizienurteils für schuldig befunden. Als einziger Beweis wurde das Protokoll des Hausmeisters gewertet. Das genügte den Richtern, obwohl eine Hausdurchsuchung ergebnislos blieb. Zuvor hatte ich nämlich in aller Eile alles unter den Teppich gekehrt. Dass der Raum  gute 30cm tiefer war, schien niemandem aufgefallen zu sein. Aber nun

standen das Urteil und der Räumungstermin fest. Längst hatte sich in meinen tiefer gelegten Zimmern neuer Müll angesammelt, der eine solch starke Adhäsion besaß, dass ich mich unmöglich aus eigener Kraft von allem befreien konnte. Dennoch musste ich einen Fluchtversuch wagen. In aller Stille wollte ich mich in der Nacht vor  der Räumung aus dem Staub machen. Nicht im Geringsten dachte ich daran, irgendeinen Altballast mitzunehmen, ausgenommen von dem wenigen allmächtig klebrigen Erinnerungsgefahrengut. Eben dieses verstaute ich schweren Herzens in meinem Rucksack und wartete auf den Einbruch der Dunkelheit.

Leider hatte der Hausmeister schon mit einer Nacht- und Nebelaktion gerechnet und sich auf die Lauer gelegt. Als er merkte, dass sich in meiner Wohnung etwas regte, begann er mit Taschenlampe bewaffnet durchs Treppenhaus zu patrouillieren. Durch den Spion sah ich, wie der Lichtkegel seiner Lampe im Erdgeschoss verschwand und stahl mich raus in den Flur.

Langsam schlich ich den Flur entlang, immer nach einem blauen Overall Ausschau haltend. Allerdings war dies nicht gerade leicht, da ich all mein Gepäck mit mir schleifen musste. In der Eile konnte ich nur wenige Gegenstände zusammenpacken und war dazu gezwungen, das meiste von meinem Hab und Gut zurückzulassen. Überall verstreut lagen sie herum, meine Erinnerungen, das, was mich einst auszeichnete, was mich an diesen Ort band.

Da, ein Geräusch! Ein Lichtkegel, eine Faust…

„…Machen sie, dass sie wegkommen, sie paranoider Schwachstromer! Lasen sie ihn in Ruhe! Der arme Junge!… Ja ja, ich habe mich um den Dreck gekümmert! Ja! Die Räumung wurde abgesetzt! Jetzt zischen sie ab! … Na wie geht es dir, mein Junge?“

Langsam komme ich zu mir. Diese blauen Augen! So seltsam vertraut! Von so nah hatte ich sie noch nie gesehen.

„Überlass den Hausmeister mir! Ich habe mich um den Müll gekümmert. War ganz schön viel, vor allem unterm Teppich! Du musst es sehr schwer gehabt haben. Naja, fürs Erste bist du in Sicherheit, aber ob ich dich noch lange raushauen kann, weiß ich nicht.“

Dann stand sie auf und fing an den Flur zu putzen.

Die Putzfrau hatte mich wieder einmal gerettet! Fürs Erste…

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