Der reine Tisch, aus „Konfusius sagt“


Die Kellnerin ging noch einmal durch das Restaurant, räumte das dreckige Geschirr und die Decken von den Tischen und wischte mit ihrem feuchten Tuch über das antike Holz. Es war spät, die Gäste waren schon auf dem Heimweg. Sie kam zum letzten Tisch direkt am Fenster zur Straße. Sie nahm die Rose, die beiden Kaffeebecher und den Zettel mit dem Gedicht vom Tisch, entfernte die Decke und setzte sich auf den Stuhl, auf dem das Mädchen zuvor gesessen hatte. Sie klappte den Zettel auf und las. An einigen Stellen war die Tinte verwischt. Kleine Tropfen waren auf das Gedicht gefallen. Das Mädchen hatte wohl geweint. Den ganzen Abend hatte die Kellnerin die beiden beobachtet, wie sie redeten, lachten, diskutierten, stritten und am Ende auseinandergingen. Das Gedicht handelte von Liebe, Schmerz und Sehnsucht, davon dass er sie vermisste und bei ihr sein wollte.

Die Kellnerin erinnerte sich, wie er flehentlich, mit nassen Augen zu seinem Mädchen hinüber sah, als sie sein Gedicht las und wie sie lächelte und schwieg. Sie war zuerst gegangen und er saß stumm da, bis die Kellnerin ihn beten musste, zu gehen, da sie das Restaurant schließen musste. Voller Neid blickte die Kellnerin auf den Zettel. Nie hatte sie so etwas Schönes gelesen. Wie sehr der Junge das Mädchen doch lieben musste! Wie das wohl ist? So geliebt zu werden oder selbst so zu fühlen? Ist es so beängstigend oder warum ist das Mädchen gegangen? Noch nie hatte sie so empfunden. Für eine Sekunde fragte die Kellnerin sich, ob der Junge vielleicht wieder in das Restaurant käme und ob sie ihn ansprechen sollte, da er jetzt doch Single und zu haben war. Schnell verwarf sie diesen Gedanken, aber las noch einmal das Gedicht. Sie seufzte, steckte den Zettel in ihre Schürze, wischte den Tisch ab und ging nach Hause.

Sie übergab den Schlüssel der Putzfrau und watete durch den frischen Neuschnee. Am Ende der Straße bog sie in eine Allee, aus der es blau flackerte. Polizei und Krankenwagen standen am Ende einer kleinen Abzweigung. Die Kellnerin ging langsam auf den Unfall zu. Sie sah, wie der Notarzt immer wieder den Defibrilator ansetzte und der Sanitäter währenddessen das Sauerstoffgerät über Mund und Nase des Jungen hielt. Dann schüttelte der Notarzt den Kopf. Sie hoben den Jungen auf eine Liege und zogen die Decke ein kleines Stück weiter über seinen Kopf. Am Boden, wo der Junge eben noch gelegen hatte, lag noch ein Handy.

Die Kellnerin ging langsam weiter, bis sie zu einem Polizisten kam. Sie fragte ihn, was passiert sei. „Der junge Mann hatte einen Lungenkollaps und konnte noch den Notruf verständigen. Wir kamen aber zu spät. Dieser scheiß Schnee heute!“

Bestürzt hielt sich die Kellnerin die Hand vor den Mund: „Der Junge hat eben noch mit seiner Freundin in unserem Restaurant gesessen. Sie haben sich wohl getrennt.“

„Achso, deswegen hat er die ganze Zeit diesen Namen geflüstert! Der Notarzt kannte den Jungen übrigens. Er war vor Jahren schon einmal wegen eines Lungenkollaps im Krankenhaus. Diesmal hat er es leider nicht geschafft! “

Benommen verabschiedete sich die Kellnerin und ging weiter. Zu Hause angekommen las sie noch einmal das Gedicht, in dem der Junge seinen Schmerz beschrieb und sah ihn vor sich, wie er da im Schnee lag und seine letzten zaghaften Atemzüge tat. Dieses Gedicht! Auch es rang nach Luft, dachte die Kellnerin.

Einige Tage später ging die Kellnerin durch das Restaurant, immer noch etwas aufgewühlt wegen des Vorfalls mit dem Jungen. Da sah sie an dem Tisch am Fenster zur Straße das Mädchen allein am Tisch sitzen. Langsam ging die Kellnerin auf sie zu und fragte etwas zögerlich, aber höflich: „Was hätten Sie denn gerne?“

Bestürzt und erschrocken sah sich das Mädchen zur Kellnerin um. Tränen rannen über ihr Gesicht. Schnell wandte sich das Mädchen wieder ab, stand auf und verließ mit schnellen Schritten das Restaurant. Auf dem Tisch lag ein Passfoto des Jungen, das verlegen zu ihr auflächelte.

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5 Comments »

    • Wieso? Erkläre dich! Konstruktive Kritik ist immer willkommen. Stört dich das Ende, die Form, der Inhalt? Stört dich, dass er stirbt und wenn im Generellen und wieso nicht umgekehrt oder beide wie bei Shakespeare? Was lässt dich mit dem Like hadern? Dass du meinen autobiographischen Bezug kennst? Es ist nur eine fiktive Erzählung, die mein lyrisches Ich enthält, versteckt. 😉
      Ich habe hier bewusst den distanzierten, wertfreien Blickwinkel der Kellnerin gewählt, die als Außenstehende das Geschehen betrachtet. Alles, was sie über die beiden weiß, weiß sie von dem Abend und dem Gedicht. So bleibt für jeden Platz, in der Geschichte das zu sehen, was er zu sehen glaubt. Im Autor und in sich selbst.

  1. 🙂 Kopf hoch! Nicht jede Geschichte bewahrheitet sich. Außerdem verkauft sich der tragische Kram besser! 😀
    …und sollte es doch passieren, na dann haben meine zukünftigen, ungezeugten Kinder auch was zu beißen!
    Denn dann können sie eine „auf einer wahren Begebenheit basierende Geschichte“ vermarkten.
    Aber ich hoffe doch, dass mir dafür noch viele Jahre bleiben und ich jetzt nicht schnell zur Dame meines Herzens fahren und ihr sagen muss: „Lass uns schnell ein Kind zeugen, bevor ich hier abnippel!“

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