Mein Nahtoderlebnis


Mein Nahtoderlebnis

 

Es war kurz nach Neujahr 2008, ich war jetzt fast 3 Monaten von meiner damaligen Freundin  getrennt. Wir hatten uns im Guten getrennt und liebten uns beide noch. Es gab zwischen uns oder nur bei ihr, wie sie mir versicherte, unüberbrückbare berufliche wie sexuelle Probleme, die ein Festhalten an einer Beziehung auch für mich unmöglich erschienen ließ. Wir waren nur 6 Monate zusammen gewesen, hatten keinen nennenswerten Streit und wollten uns mit unserem ersten gemeinsamen Sex Zeit lassen. Ab und an, als mich die Leidenschaft und die Begierde nach ihr übermannt hatten, teilte ich ihr dies mit. Es war schon nicht leicht, aber ich liebte sie so sehr, dass ich auch gut darauf verzichten konnte, als sie sagte, dass sie noch nicht bereit dazu sei. Nach der Trennung, bei der in einem langen Gespräch sie mir sagte, dass eine Beziehung ohne Sex für sie nicht in Frage käme, sie aber sich noch keinen Sex mit mir vorstellen könne, dies aber nicht an mir läge und sie eigentlich Sex mit mir haben wolle, mich aufrichtig liebte und sie sehr darunter leide, suchten wir Rat in einem Vorgespräch bei einem Therapeuten, an dessen Ende sie aber in eine Paartherapie nicht einwilligte. So sollte jeder von uns nach Neujahr einzeln zu seiner ersten Sitzung kommen. Ich hatte nie gewollt, dass sie so leiden musste. Wir telefonierten so oft miteinander und redeten stundenlang, ich weinte oft, sie blieb oft kühl. Manchmal aber lachten und scherzten wir so sehr, als wäre nie etwas geschehen. Wir trafen uns auch ab und an. Es war so schön, sie nur zu sehn oder ihre Stimme zu hören. Ich erinnere ich mich noch gut, wie wir uns nach dem Vorgespräch und einem anschließenden Kaffee am Bahnhof verabschiedeten. Ich hatte ihr zuvor auf dem Weihnachtsmarkt in meiner Heimatstadt eine Schneekugel mit einem Schneemann gekauft und kramte sie nun mühsam und etwas unbeholfen aus dem Rucksack hervor. Sie entfernte das hässlichbraune Paketpapier und ich sah, wie ihr Tränen in die Augen schossen: „Wie schön! Ich sammele die und die hab ich noch nicht!“ Sie küsste mich und wir umarmten uns lange. Dann musste ich in den Zug steigen, ich sah noch im Wegfahren, wie sie lächelte, winkte und die Schneekugel schüttelte.

Wir verbrachten den heiligen Abend gemeinsam mit Freunden in einer Kneipe. Sie war plötzlich wieder so unnahbar, als würden wir uns kaum kennen, als wäre zwischen uns nie mehr als eine entfernte Bekanntschaft gewesen, wo wir zuvor doch noch telefoniert hatten, Weihnachtslieder gesungen hatten und Stunde um Stunde nicht auflegen wollten. Zu dieser Zeit wohnte ich in einer Zweier- WG unweit der Universität, auf der ich studierte. Die Tage und Wochen waren schrecklich einsam und kalt. Ich aß kaum noch und saß nachts auf dem zugeschneiten Balkon in Mantel und mehreren Decken gehüllt und rauchte ein Päckchen Zigaretten nach dem anderen, während ich Musik hörte. An den Wochenenden fuhr ich oft aufs Dorf zu meinen Eltern, wo ich die Nächte ebenso verbrachte oder in ausgedehnten Spaziergängen durch Schnee und Regen an sie dachte und an sie dachte und immer wieder an sie dachte. Sylvester verbrachte ich leider alleine. Der Kontakt schien etwas einzureißen, doch wir wollten uns bald wieder treffen.

Es war die Woche nach Neujahr, ich hatte gerade eine mittelschwere Bronchitis hinter mich gebracht und war auf dem Weg nach Hause zu meinen Eltern. Es war Wochenende und im Zug hörte ich Leute von dem Film „Keinohrhasen“ sprechen. Hatte sie nicht auch mal so was erwähnt? Ich kannte den Trailer auf jeden Fall und nahm mir vor, gleich zuhause angekommen sie anzurufen und sie ins Kino einzuladen. Ich überprüfte mein „Big Pack Zigaretten Gauloises Blau“. Halb leer! Wenn das mit dem Kino noch klappen sollte, sollte ich mir die Zigaretten einteilen! Schwermütig sah ich aus dem Fenster, ich hatte den langen Wintermantel immer noch an. Dazu mein schweres Gepäck mit schmutziger Wäsche, die ich zuhause waschen wollte, über mir verstaut. Ich dachte an meine Ex, während draußen die Landschaft an mir vorbei flog. Bald würde der Zug an der drittletzten Haltestelle ankommen. Noch 20 Minuten bis zu meinem vorläufigen Ziel, wo ich in einen Bus umsteigen und noch einmal eine halbe Stunde fahren musste, um im Dorf meiner Eltern anzukommen.

Plötzlich wurde mir schwindlig. Ich öffnete einen Knopf am Mantel, dann alle. Es war seltsam stickig hier im Zug. Mein Kreislauf schien sich zu verabschieden. Das mit dem Bus würde ich wohl nicht schaffen! Es wäre zumindest unheimlich stressig, schien es mir. Ich rief meine Mutter an, sie solle mich mit dem Auto abholen kommen, dann müsste ich wenigstens das schwere Gepäck nicht rumschleppen. Ich legte auf. Mir wurde immer schwindliger! Was war hier los? Ich begann zu schwitzen und immer heftiger zu atmen! Hatte jemand die Heizung aufgedreht? Aber mein Schweiß war seltsam kalt und ich bekam es mit der Angst zu tun. Ich atmete immer schneller und kürzer und plötzlich begann meine linke Brust zu schmerzen. Der Schmerz wurde immer pochender, wie ein Messer, das man mir ins Herz rammte. Ich griff mit meiner rechten Hand mit aller Kraft in meine linke Brust und drückte so fest zu, wie ich konnte. Es half nur kurz. Ich bekam keine Luft mehr, je mehr ich versuchte zu atmen. Ich konnte nicht aufstehen, ich war zu schwach, um mich zu bewegen, verzweifelt sah ich mich um. Da, die Schaffnerin! Ich hatte immer noch meine Brust umgriffen, atmete in kurzen, schnellen und unergiebigen Zügen. Ich wollte etwas sagen, aber mehr als einen verzweifelten Blick brachte ich nicht heraus. Sie sah mich kurz an und ging weiter. Die Luft war weg. Ich wusste nun, dass ich sterben würde.

Der Angstschweiß rann kalt und klebrig von meiner Stirn. Die Schmerzen in der Brust waren nicht mehr aushalten. Ich wollte schreien, doch mehr als ein Im- Hecheln- Ersticken oder ein verkrampftes, abgewürgtes Röcheln konnte es nicht gewesen sein. Nun wünschte ich mir den Tod. Es sollte nur schnell vorbei gehen! In Frankfurt, weit hinter meinem Zielbahnhof würden sie mich entdecken, mich für einen Schlafenden halten. Meine Mutter würde umsonst am Bahnhof warten, an dem ich tot vorbei gleiten würde. Ich lehnte am Fenster und sah hinaus in ein Licht, vielleicht war es die Sonne. Ich sah mich, wie ich am Fenster lehnte und schwebte in Richtung des Blickes, den der Junge aus dem Fenster warf. Die Landschaft verschwamm und alles wurde hell und warm. Plötzlich wurde ich ruhig. Eine Stimme rief: “Hab keine Angst! Es wird nicht mehr wehtun! Du hast es gleich geschafft. Komm mit! Du brauchst dich nicht mehr zu fürchten!“ Ein unbeschreibliches Glücksgefühl und ein Gefühl des Angekommenseins, des Aufgehobenseins, ein tiefes Gefühl der Ruhe überkam mich. All meinen Schmerzen waren weg. Ob ich atmete oder nicht, konnte ich nicht sagen. Ich war im Licht und alles andere war fort, weit außer mir. „Willst du mitkommen? Was wünschst du dir?“, sagten die nun aufkommenden Stimmen liebevoll, als würden sie mir eine Hand reichen. Immer weiter schwebte ich auf das Licht, auf diese Stimmen zu und da sah ich sie: Meine Ex! Ihre Augen strahlten im gleichen Licht. „Dort, wo wir hingehen, gibt es sie nicht! Noch nicht! Willst du mit uns kommen? Du brauchst keine Angst zu haben! Wir sind immer bei dir!“ Die Stimmen waren wie ein mütterliches Lächeln, das mich in Geborgenheit hüllte und liebevoll umarmte. Doch sah ich immer noch sie, sah ihre Augen, ihr Lächeln mich anstrahlen. Da sagte ich: „Nein! Noch nicht!“ Und als ob die Stimmen verstünden, begleitete das Leuchten, das Licht mich zurück, zurück zum Zug und dem Jungen am Fenster, als wären wir die ganze Zeit nebeneinanderher geflogen. Wie von einem warmen Glücksgefühl in meinem Herz geweckt, kam ich zu mir, raffte mich mühsam hoch und erkannte, dass der Zug gerade an meinem Zielbahnhof hielt. Die Schmerzen waren nicht mehr so stark. Irgendwie hatte ich es auf meine Beine geschafft. Nach Luft ringend, aber längst nicht mehr dem Tod so nahe wie zuvor, riss ich meine schwer gefüllte Sporttasche und meinen Rucksack mit mir nach draußen. Ich wusste, dass die frische Luft dort meine Rettung sein würde. Mit letzter Kraft stieg ich auf den Bahnsteig und sackte zusammen. Ich bekam wieder mehr Luft. Es war wie mein erster Atemzug seit langem. Er tat schrecklich weh und hielt nur kurz. Schnell begann ich wieder kurz zu atmen. Jeder tiefe Zug vom Leben bereitete mir unendliche Qualen in meiner Brust, die mir meine Sinne nahmen. Auf allen Vieren, meine Taschenschlaufen in den Händen kroch ich die Treppe runter zum Bahnhofsvorplatz und hielt Ausschau nach meiner Mutter. Ich konnte sie nicht entdecken. Die Leute gingen um mich herum, sahen mich an, zeigten auf mich und gingen weiter. Ich traute mich noch nicht zu sprechen, nur einen Atemzug zu verschwenden, aus Angst wieder zu ersticken. Ich robbte weiter nach vorne. Doch meine Mutter war nicht zu sehen. Ich setzte mich hin und atmete mit geschlossenen Augen, versuchte mich zu beruhigen. Dann griff ich nach meinem Handy und wählte aus Versehen die Nummer der Polizei. Die Dienststelle hob ab, und so kurz und atmig, wie ich konnte,  schilderte ich mein Problem. Doch die Dienststelle stellte mich dann an den Rettungsdienst durch. Die Musik der Warteschleife war atemberaubende Ironie. Mit letzter Kraft erzählte ich alles noch mal und sackte erneut zusammen. Nun kam eine Frau und fragte, ob sie helfen könne. Ich röchelte flüsternd, dass ich bereits den Krankenwagen gerufen hätte und sie ging weiter. Meine Mutter und der Krankenwagen kamen gemeinsam. Endlich am Sauerstoffgerät und auf der Liege begann wieder mein Atmen. Ich hatte einen akuten Pneumothorax, bei dem Lungenbläschen platzten und bei dem die in den Brustkorb einströmende Luft die Lunge zerquetscht hatte. Auf der Intensivstation setzte man mir einen dicken Schlauch in die Brust und saugte mir mehrere Wochen lang die Luft aus meiner Brust, bis meine Lunge wieder geheilt war und man mir den Schlauch wieder herauszog. Vorerst ein letztes Mal spürte ich das Stechen des Messers, das wochenlang in meiner Brust steckte und mich nicht mehr schlafen ließ. Noch viele Male danach, als nur noch Narben Zeugen meiner Begegnung mit dem Tod waren und immer wenn ich auf eine bestimmte Weise an meine Ex oder ähnlich nahe gehende, emotionale Ereignisse dachte, schmerzte meine Brust an dieser einen Stelle, als ob jemand ein Messer in sie rammen würde, sogar heute noch manchmal. Der Arzt riet mir damals zu mehr Körpergewicht, weniger Rauchen und vertröstete mich auf eine 20%ige Rückfallchance.

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