Tag 1 & 2


Tagwerk

ein Produkt meiner Phantasie, angestachelt durch eine Übung aus „Schriftsteller werden“ von Dorothea Brande

Tag 1

Wie ich wieder von und in Demenz so träumte überkam mich der Gedanke, dass nichts festzuhalten sich einem aufdrängt, schon gar nicht, wenn es dazu taugt, jemanden sich unruhig von links nach rechts wälzen zu lassen, ihn mit Bildern, Spannungen, Emotionen und Verwirrungen zu durchfluten, egal ob es real ist oder nur erträumt wurde.

Tag 2

Auch heute beginnt verspätet das, was man hätte Disziplin nennen können, wäre ich ihm nur etwas früher begegnet, dem Schreiben. Wo mag mein Gedicht über fachsimpelnde Flusspferde nun stecken? Vermisst mein Laptopspeicher jene eine Strophe, die auf Collegeblockpapier darauf wartet endlich digitalisiert, wahrgenommen und fortgeführt zu werden? Schriftstellerwerden und -Sein gestaltet sich weiterhin so unstet wie meine von Ängsten umzäunte Selbstwerdung. Das Angebotene, das Schreibwerk, Ideen, Angefangenes stapeln sich zuhauf, wo Bücher, Universitäten auf jenen späten Nachzügler warten und sich doch fortschreiben, weiterleben, auch ohne ihn. Kein Buch der Welt schreibt sich an einem Block oder in sieben biblischen Tagen, den der Ruhe eingeschlossen. Dennoch vergisst eine Buchseite der anderen zu folgen, so wie man es von ihr zumindest nach Wochen und Monaten erwartet hätte. Dennoch bemüht sich der Autobiograph um eine nicht vorhandene dritte Person, um von sich distanzierend abzulenken, den eigenen Schwächen und Fehltritten genügend Abstand einzuräumen, um der Selbstbeschau einen unmöglichen, objektiven Blickwinkel anzudichten.

Können Gedanken und Emotionen umziehen, frage ich mich, und schaue mir meine schlecht eingeräumten Regale in meinem kleinen, neuen WG- Zimmer an. Es ist für relativ arme Dichter wie geschaffen, für absolut arme jedoch zu modern eingerichtet. Ein Gasherd, der medial gut befüllt vor sich hin züngelt, wärmt das spitzwegerisch große Kämmerlein. Ein kreditfinanzierter Laptop ersetzt Feder und Papier, ein Flachbildfernseher ohne Kabel und Antenne hält seinen Winterschlaf und aus einer mehr als 12 Jahre alten HIFI- Anlage mit Dreifach-CD-Wechsler und doppeltem Kassettendeck weht die sanfte Akustik keltischer, selbst gebrannter Musik, nur die am Boden behelfsmäßig liegende, raumfüllende Matratze erinnert an einstiges ärmliches, romantisiertes Künstlerdasein. Doch im Geiste teilt der hier sitzende und schreibende Autor jene so kunstvoll in Szene und Leinwand gesetzte Armut, wähnt sich seiner Leidenschaft nahe und ist dennoch im Konsum seiner Zeit aus alten Gedankengebäuden ausgezogen. Gefährlich nahe der durch verbranntes Gas erzeugten Wärme, die munter ihren alten, weißen Metallkörper verlässt, stehen vollgepackte Pappkartons mit einer Reisetasche oben auf. Ihren Inhalt zu verräumen wäre wohl zu viel des Tagwerks und so begnügt sich der relativ arme Dichter dann doch damit, seinen Laptop für mehr als Facebook, für mehr als stupides Geklicke zu benutzen und dem eigentlichen Grund der teuren Anschaffung Zeit und Raum zu gewähren, in letzteren endlich einzutreten, ihn heimzusuchen und die dort hinterlegte Abwesenheitsmitteilung „Bin mal kurz auf der Flucht vor mir selbst und die nächsten Stunde nicht bei mir zuhause!“ von der Pinnwand zu entfernen. Ja, endlich rasten die Tasten ein und wie ein alt bekannter Türgriff, den man kurz an sich ziehen muss, bevor man ihn hinunterdrücken kann, öffnet sich die Tür zu meiner inneren Wohnung wie von selbst, nur mit diesem einen, so vertrauten Kniff.

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