Anti-Depressiva


Anti-Depressiva

Wieder diese Spatzen! Überall Spatzen, Drecksviecher!

Kawumm!

Ein ohrenbetäubendes Donnern ließ wie so oft in den letzten Wochen Himmel und Erde erzittern und ja! Für einen kurzen Augenblick erhellte sich nicht nur der Himmel über Herrn K, sondern auch sein Gesicht ließ endlich wieder ein Strahlen erkennen. Irgendwo in der Ferne klatschten gerade zwei zerschmetterte Spatzenkörper zu Boden. An die anderen Folgen mochte Herr K noch nicht denken. Jetzt nicht. Jetzt schien gerade die Sonne.

Erschöpft sank er in sich zusammen. Neben ihm stapelten sich in Umschläge gehüllt die Forderungen all der Haus,- Auto-, Wald-, und Flurbesitzer, der Hinterbliebenen so einiger Schäden. Einige Briefe hatte er geöffnet. Doch er las sie längst nicht mehr. Nur nicht hinsehen! Die Sonne schien doch gerade!

Aber sie würden wieder kommen. Es dämmerte ihm schon. Sie kamen immer wieder. Spatzen! Nicht irgendwelche, oh nein! Ganze Schwärme waren es, die sich offenbar dazu verschworen hatten, genau über Herrn Ks Haupt sich zusammenzufinden und die Sonne zu verdunkeln. Sie lärmten und es schien, als spotteten sie über seine Versuche ihnen zu entkommen. Alles hatte er schon versucht: Wegrennen, Wegschreien, Wegreden, Wegschreiben, Weglocken, Wegducken, Wegfeiern, Weglachen, Wegweinen, Weghoffen. Sie kamen immer wieder. So hatten sich mit jedem grauen Tag nicht nur der Himmel über ihm, sondern auch seine Gedanken mehr und mehr verfinstert.

Sie müssen wissen, dass gutes Zureden, wie auch alles andere bei dieser speziellen Rasse wohl nicht ausreichen wird. Manchmal muss man da eben mit allen Waffen kämpfen. Sie sagen, dass sie sogar nachts ausschwärmen? Jaja, hm, ja… sogar besonders nachtaktiv? …Ich werde ihnen ein Mittel an die Hand geben, das wird ihnen dabei helfen sie zu verscheuchen. Als erste Unterstützung zu ihren anderen Versuchen.“, hatte Dr. Psychiat, der Ornithologe, den Herrn K in seiner Verzweiflung um Rat gefragt hatte, gesagt.

Das war jetzt schon sechs Wochen her. Am Anfang schien das Mittel gut zu wirken. Der Schwarm stob nach jedem Einsatz kreischend auseinander und es wurde endlich wieder hell. Doch so oft er es auch einsetzte, sie kehrten immer wieder zurück. Dann kamen die ersten Schreiben. Kaputte Dächer, Fenster, Karosserien, Bäume… eine Kanonenkugel war sogar in einen Supermarkt gekracht und hatte einige Menschen verletzt. Nichts schlimmes, ein paar Prellungen, Schnittwunden von den Glassplittern. War ja auch das kleine Kaliber. „Für den Anfang.“, hatte der Doktor gesagt.

Kawumm!

Verpisst euch, ihr Biester!“

Wieder waren sie da!

Herr K war am Ende seiner Kräfte angelangt. Lange würde er das nicht mehr durchhalten. Das spürte er.

Schon am nächsten Tag flatterten die nächsten wütenden Briefe ein. Doch dabei sollte es nicht bleiben. Die ersten Geschädigten sannen auf Rache und so flogen schon bald neben Briefen Steine, Brandsätze und Schlimmeres in sein Haus.

Völlig aufgebracht ging er zu seinem Ornithologen.

Wie, haben sie immer noch diesen Vogel?“, begrüßte der ihn.

Einen? EINEN?! Ganze Schwärme!“

Ach! SIE sind das…“

Sie kommen immer wieder, kaum dezimiert!“ Herr K war völlig außer Atem.

Nun denn, da brauchen wir wohl härtere Geschütze. Da gäbe es auch die 56er… Wissen sie was? Ich empfehle ihnen gleich eine ganze Kanonenbatterie davon! Zweimal, oder sagen wir besser dreimal täglich abfeuern und dann…“

Wie bitte? Sind sie noch ganz bei Trost?! Wissen sie überhaupt, was das Zeugs noch so alles anrichtet? Soll ich ihnen mal die Schadensmeldungen allein der letzten Woche zeigen? Das werden sie mir bezahlen!“

Klatsch. Ein ganzer Stapel Briefe knallte auf Dr. Psychiats Schreibtisch. Verwundert blickte er zu dem Stapel hinunter und dann zu Herrn K, der vor Wut bebte und zitterte.

Ach wie, wussten sie das nicht? Dass das passieren kann? Das steht doch alles auf dem Beipackzettel! Moment!…“

Dr. Psychiat kramte in seinem Lager und zog eine verstaubte Kanonenpackung unter einem Stapel Mörser und nuklearer Fernlenkraketen hervor.

Ah, da haben wir es ja. Firma: Ratioschwarm. Gegen Spatzenschwärme… Sehen sie? Steht gleich vorne drauf.“

Ich bin ja nicht blind!“, knirschte Herr K.

So Herr K… und da haben wir ja auch schon den Beipackzettel… Gegen nachtaktive und sonnenverdunkelnde Spatzenschwärme….hm und ja hier! Mögliche Nebenwirkungen: Gebäude- Personen-, Sachschäden… wütender Mob… Also das müssen sie dann schon in Kauf nehmen! Wissen sie, wir verkaufen das ja nicht. Ich kann sie nur beraten. Wenn sie damit ein Problem haben, müssen sie sich schon an Ratioschwarm selbst wenden. Etwas Besseres und Schonenderes ist zur Zeit nicht auf dem Markt. Wenn DAS nicht hilft, also die 56er, also mit der habe ich schon wirklich gute Erfahr…“

Rumms!

Herr K hatte die Tür zugeschlagen und war gegangen.

Vor Schreck war ein Spatz kurz aus seinem Schwarm ausgebrochen. Ein Sonnenstrahl schlich sich durch die so unverhoffte Lücke und ein Augenblick lang war es so, als hätte man Herrn K laut aufatmen und ein Lächeln in seinem Gesicht gesehen.

Epilog:

Die Sonne schien. Herr K ging wie immer lächelnd über die Straße. Die Leute tuschelten. „Er lächelt schon wieder… Ja, komischer Kauz!… Der hat doch n Vogel! Und dann dieser übergroße Lederhandschuh! Lächerlich!… Aber das Wetter, seit Wochen keine Wolken mehr! Da hat der Wind immer so durchgepfiffen… Ja! Und dunkel war es! So kann‘ s bleiben.“ Herr K sah kurz herüber, grinste und ging weiter. Das Rufen eines Falken folgte ihm.

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