Kinodonnerstag


Kinodonnerstag

Es war an einem Kinodonnerstag, da traf ich es oder sollte ich „sie“ sagen? Etwas ernüchtert, zwar gut unterhalten und innerlich irgendwie rund wie ein Kieselstein, aber auch zornig wegen des schönen Films, der nach allen Irrungen und Wirrungen seiner Handlung mal wieder wie so viele seiner Artgenossen gut geendet hatte, stapfte ich in den Schnee. Sie ist kalt, dachte ich mir, die Realität dort draußen, außerhalb der bewegten Bilder, der erfundenen Geschichten. Ich wollte es nicht wahr haben. Ich fühlte mich einsam.

Da kam mir eine sehr abgemagert wirkende Gestalt entgegen. Sie war gerade durch die Seitentür des Kinos geschlüpft und hatte sich dem kalten Wetter zu trotzen tief in Mantel und Kapuze verzogen.

Ich hörte sie genervt in sich hinein schimpfen. „Noch drei Vorstellungen heute! …Wie sie da sitzen und mich anstarren! Als sei ich eine Gute-Nacht-Geschichte, ein Zootier! Gaffer! Keiner will mich wirklich kennenlernen!“

Der letzte Satz hatte mich stutzig gemacht, neugierig. Ich sah wie die Gestalt in eine Seitengasse bog und folgte ihr. An einer Straßenlaterne hielt sie inne und blickte zu mir zurück. Doch anstatt weiter zu gehen, dorthin wohin auch immer sie gehen wollte, blieb sie stehen und schaute zu mir herüber.

So ein Mist! Sie hat mich bemerkt! Als wäre ich des Zufalls Cousin siebten Grades drehte ich mich zur Seite und kramte in meinen Hosentaschen nach meinem Handy, um wenigstens eine SMS vorzutäuschen. Doch nur meine Zigaretten sprangen mir in meine Finger. Verlegen tastete ich nach meinem Feuerzeug.

Feuer?“

Die Gestalt stand plötzlich direkt neben mir. „Ähm jaaaaa… Danke!“

Du bist mir gefolgt! Warum?“

Vor Schreck fiel mir die Zigarette in den Schnee. Diese Person schien auch gar keine Umwege zur Wahrheit zu kennen!

Ähm jaaaa,…. tut mir leid. Ich wollte nicht…“

Aufdringlich sein? Interesse zeigen?“

Ähm nunjaaaa, also, äh, nein, denke nicht.“

Aber ich bitte drum! Du wärst heute der Erste.“

Naja, also… ich hab da sowas aufgeschnappt, also so nen Satz, also das klingt jetzt doch irgendwie verrückt!“

Nein, das tut es nicht. Welchen Satz?“

Ähem… Hust! … Hm, dass dich niemand wirklich kennenlernen wollte und… dich alle anstarren…“

Achsoooo… DER Satz. Hm, ja, der flutscht mir öfter mal raus. Lass dich mal ansehen… Ja, du bist keiner von denen. Du bist einer von den anderen.“

Wie bitte?“

Ich erkenne dich wieder. Ich sehe dich übrigens oft, wie du mir zuschaust. Jedes Mal, wenn ich zu dir rüber schaue, wendest du deinen Blick ab, als sei ich jemand, den du kennst, aber auch fürchtest, wie ein schmerzendes Körperteil, das du mit dir trägst und nie berührst.“

Wie? Also ich erinnere mich nicht, dich je…“

Oh, du hast mich schon oft gesehen. Jeden Donnerstag siehst du mich, beziehungsweise das, was die Menschen von mir übrig lassen, das, zu dem sie mich gemacht haben.“

Was haben sie denn aus dir gemacht?“

Einen Schauspieler. Ich trete in den meisten Filmen, Musikstücken und Erzählungen auf. Dabei hasse ich es, nur so zu tun, als ob… Früher war das mal anders…“

Schauspieler? Das glaube ich aber kaum. Ich hab dich noch nie gesehen. Wer bist du?“

Dass mich das mal jemand fragt! Nun, ich habe keinen speziellen Namen und den, den ihr mir gebt, gefällt mir so gar nicht.“

Das klingt sehr rätselhaft. Jetzt spann mich nicht auf die Folter! Wer bist du?“

Ihr Menschen kennt mich als >>Happy End<<. Aber ich bin viel mehr als das. Aber heute, ja heutzutage bin ich viel mehr nur noch eine Erinnerung an etwas, was vor vielen Menschenleben und Zeitaltern mal Gang und Gäbe war. Die ein- und selbe Erinnerung übrigens, die ihr Menschen immer wieder aufschreibt, aufmalt und vertont, wenn ihr Kunst erschafft und sie dann als Märchen eurem Publikum anpreist. Aber du siehst mich anders an.“

Erinnerung? Happy End? Ich erinnere mich an wenige Momente in meinem Leben, die so endeten, wie dieser Film gerade. Ich glaube, wir kennen uns wohl kaum. Und du behauptest mich zu kennen?“

Das ist wohl richtig. Aber wir kennen uns. Denn du siehst mich anders an. Deswegen gehörst du zu den anderen. WEIL du dich erinnerst.“

Wie bitte?“ Ihre Antworten machten mich nervös. Sie schien an mir vorbeizureden, aber so, als wüsste sie genau, was sie da tut.

Nun, du kannst mich nicht ansehen wegen dem, was sie aus mir gemacht haben und wegen dem, was diese Leute >>Realität<< nennen. Ich sehe es dir an, deinen Schmerz. Jedes Mal, wenn du mich in diesen Filmen und Geschichten sehen musst und wie die Menschen über mich danach sprechen. Du versuchst denen zu glauben, den Realisten, denen, die sagen, es sei wie es sei, es passe, wenn es passe oder eben nicht, es komme eh, wie es komme, denen die zu wissen glauben, was sich nicht ändern ließe. Es ließe sich so vieles ändern, glaub mir! Ich kann verstehen, warum du dich gezwungen fühlst, dich ihnen anzupassen. Denn sie sind in der Mehrheit, an der Macht. Schon so lange. Aber sieh mal, genau wie du rennen sie in die Filmvorstellungen, stecken ihre Nasen in die Bücher, strecken ihre Ohren zu mir hin, wenn ich irgendwo besungen werde. Sie sind jedoch die, die mich angaffen, als sei ich das letzte Einhorn! Etwas, das sie nur dort in der Kunst zu finden glauben, etwas Irreales, das man hinter fiktionalen Gittern einsperren muss, damit es nicht flieht, dorthin, wohin sie mir nicht folgen können. DU bist mir gefolgt. Wieso?“

Du hast mich an jemanden erinnert.“

Und an wen?“, fragte sie neckisch.

An mich.“, gab ich traurig zurück.

Siehst du! Dann kennst du mich also doch!“, sagte sie lächelnd und nahm meine Hand.

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