Gedachte Linien


Gedachte Linien

Da betrat ich nun also jenen kleinen, engstirnigen Raum, dessen sperrige Hintertür, die wie eh und je an die Grenze meiner Vorstellungskraft gelehnt und gezimmert, geräuschvoll meine kopfseitige Architektur in Schwingung versetzend, ausgerechnet heute dermaßen bekloppt und behämmert wurde, dass mir nichts mehr anderes übrig blieb, als sie zu öffnen.

WER MACHT DA SO’N KRACH?“, raunte ich übellaunig über die gedachte Linie, die kaum einen Fuß breit die Schwelle zu jener Tür überragte und die bis dato meinen geistigen Horizont dargestellt hatte. Niemand war zu sehen, nein, nichts war zu sehen. Nichts! Wusste ich es doch, dass dahinter nichts mehr ist. Doch das Klopfen war seltsamer Weise immer noch zu hören.

WER IST DA? ZEIG DICH!“, brüllte ich das sich mir entgegen zeichnende Nirwana an.

Oh tut mir leid. Falsche Tür…“, wisperte eine Stimme und erstarb sofort. Ich wartete einen Augenblick. Dieser erhellte jedoch keineswegs das schemenhafte Dunkel vor meinen Augen. Stille. Das Klopfen war verschwunden. Ich drehte mich genervt, aber nicht unzufrieden um und schloss hinter mir die Tür.

Bumm! Bumm! Bumm! Bumm!… Da war es wieder, kaum dass das Klacken des Schlosses sich mit meinem Weltbild versöhnend in den Türrahmen verabschiedet hatte. Ich machte auf dem Absatz kehrt, um in einer schnellen Drehung diesen vermaledeiten Nervenzerklopfer türeaufreißend zu enttarnen.

Weeeeer?!…“

Stille. Nichts war zu erkennen. Doch plötzlich warf sich ein Schatten mir entgegen. Ich schnellte reflexartig zurück. Der Schatten hielt inne. Eine wie aus Nebel gegossene Hand reckte sich meiner Schwelle entgegen.

Darf ich?… Stören…“

Nein dürfen sie nicht!“, schepperte meine Stimme durch die nun schon auf halbem Wege wieder geschlossene Tür.

Nein, halt, warten Sie! Stören ist mein Name. Friedrich Stören! Ich komme aus…“

Lassen Sie mich raten: ICH-WILL-NICHT?“

Oh nein, lustig, dass Sie das erwähnen! Aber ich glaube, dort bin ich gelandet. Ich muss mich verirrt haben. Aber das scheint mir allen Umständen zum Trotz die richtige Tür zu sein. Sie müssen nämlich wissen, ich komme aus…“

Ach, lassen Sie mich in Ruhe!“

Ähm fast, da war ich eben noch. Doch dann haben Sie ja die Tür aufgemacht! Seit wann können Sie mich eigentlich wieder hören?“

Was, wie bitte? Sie waren das?! Sie klopfen ja schon den ganzen Morgen und gehen mir auf den Geist. Da musste ich doch mal nachsehen…“

Oh schön, seit heute Morgen? Endlich! Ich klopfe ja schon solange…“

Ja, den ganzen Morgen schon!“

Oh nein, eigentlich klopf ich schon seit einigen Monaten hier. Ganz schön anstrengend. Aber schön, dass Sie mich jetzt endlich hören können!“

Hrm,“ grunzte meine rechte Hirnhälfte aus dem benachbarten Gebäudetrakt und gab mir deutlich zu verstehen, das Gespräch an dieser Stelle zu beenden.

Was wollen sie?“, stibitzte sich jedoch stattdessen eine vorwitzige Stimme aus dem Fenster zu meiner Linken und passierte unverhohlen, geradezu unverschämt meine Lippen.

Ich?“, gab Herr Stören verdutzt zurück. „Das weiß ich doch längst. Ich bin hier, um Sie zu fragen.“

Na dann fragen Sie doch!“

Nun gut. Also: Was wollen Sie?“

Wie bitte?“

Na, das ist meine Frage an Sie!“

Was geht Sie das an?“

Warum öffnen Sie dann diese Tür?“

Weil Sie geklopft haben, Sie Störenfried!“

Sie hätten ja nicht hingehen müssen. Aber jetzt wo Sie da sind, müssen Sie sich schon fragen lassen! Wollen Sie denn gar nicht wissen, woher ich komme?“

Nein! Halts Maul und schwirr ab!“, schallte es von rechts, „Ohja, unbedingt!“, von links, „Äh…“, durch die Tür. „Sollte ich?“

Was glauben Sie denn, was Sie hier vor sich sehen?“

Einen Störenfried im Nichts, was sonst?“

Wenn Sie erkennen, woher ich komme, dann werden Sie mehr als das sehen!“

Mehr als das! Hui! Das klingt ja spannend.“ Mein linker Hirnanbau drängelte sich nun dicht an die Schwelle. „Was gibt es denn zu sehen hinter all dem Dunkel?“

Alles, was du willst! Wenn du dir klar wirst, was du willst, dann wirst du es sehen.“

Seit wann duzen wir uns denn?“

Seit dein Herz sich an diese Schwelle gedrängt hat.“

Irgendetwas in mir begann zu bröckeln. Bedrohlich lautes Knarren und Poltern drang an mein rechtes Ohr.

Lass los!“, sagte die Nebelgestalt mit freundlicher Stimme.

Immer mehr Mauern rechts von mir rissen, zerfielen, barsten förmlich zu Staub.

So ist’s gut!“… „Nun kannst du Licht in dein Dunkel bringen, mein alter Freund. Lass los und erkenne! Woher komme ich oder besser: Wer bin ich, vor dem du dich so fürchtest, dass du ihn ins Dunkel verbannt, in ein Störgeräusch verwandelt hast?“

Zukunft…“ Ich spürte, wie meine Lippen dieses fremde Wort formten, doch erinnerte ich mich noch im selben Moment nicht daran, dieses Wort auch nur gedacht zu haben. Ich begann zu stottern.

…Mei-ne Zu-kunft?“

Ich bin dein Freund und ja, ich bin alles, was vor dir liegt, alles, wofür du dich entscheiden wirst. Komm mit und ich werde dir eine Welt zeigen, die du bisher selbst in deinen Träumen nicht zu sehen gewagt hast.“

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