Unentdeckte Wesenheiten – Mampfrofolos


Unentdeckte Wesenheiten

Mampfrofolos

das Urvieh des Appetits

Einst, als Berge und Täler, als ganze Kontinente noch den Wesenheiten gehörten, so dass ein jeder sie sehen konnte, da lebte eins der urtümlichsten und eigenartigsten Wesen auf dieser Erde. Es war riesig groß und behäbig wie ein Walross. Um seinen Bauch, so groß wie ein ganzer Hügel, rankte sich ein Fell aus Blumen, Wiesen und Feldern. Auf seinem Rücken war es mit Obstbäumen bewachsen.

Es hatte einen mondförmigen Kopf mit einem sehr großen Maul, so groß wie eine ganze Urbärenhöhle. Seine Arme und Beine waren dagegen eher stummelig und klein, in unseren Augen aber immer noch riesig. Doch das Erstaunlichste an diesem Wesen war sein Appetit, weshalb es von allen nur das Mampfrofolos genannt wurde. Denn seine liebste Beschäftigung war es zu essen, nein zu schlingen, zu mampfen, alles zu verputzen, worauf es gerade Lust hatte.

Am liebsten aß es Steine, Bäche, wie auch den Schnee und das Eis von den Berghängen oder schlürfte ganze Flüsse aus. Es setzte sich an den Fuß eines Berges und schrie: „HUUUUNGER!“

So laut schrie es, dass die Erde erzitterte und bebte. Dann fielen Geröll und Schnee die Hänge hinab und es brauchte nur seinen Mund zu öffnen, damit alles in sein riesiges Maul rumpelte. Manchmal schrie es so laut, dass die fernsten Berge, Flüsse, Fluten und Meere, ja Kontinente sich zu ihm aufmachten, um mit ihrem Gestein, ihrer Erde und ihrem Wasser den unerschöpflichen Appetit des Mampfroflos zu stillen.

Mampfrofolos jedoch nahm der Erde nicht nur, sondern gab auch. Waren die Unmengen, die es zuvor in sich hineingestopft hatte, einmal erst verdaut, so brauchte man nur zu ihm zu gehen und sich etwas zu wünschen. Viele Wesen und auch Menschen pilgerten zu Mampfrofolos, wenn ihre Kinder von Appetitlosigkeit oder ihre Lande von Krankheit und Unfruchtbarkeit geplagt waren. Jedem wurde eine Gabe geschenkt.

Waren die Felder dürr, so schüttelte es viele Samen und Tautropfen aus seinem Fell, die man nur zu fangen und in seine Heimat zu tragen brauchte.

Gegen jede Krankheit wuchs ein Kraut an seinem Leib. Den Appetitlosen, jenen, die sich nach Tod und Niedergang, dem ewigen Schlaf sehnten, genügte es in einen seiner Äpfel zu beißen und schon überkam sie eine Lebenslust, wie sie nur das glücklichste Neugeborene empfand. Ja Mampfrofolos konnte Lebensgeister wecken, wo sonst keine Medizin mehr half.

Nun begab es sich, dass die noch jungen Stämme der Menschen, die einst in Frieden miteinander gelebt hatten, immer öfter nach den Gaben des Mampfrofolos verlangten, ja sein Wissen um die schöpferische Kraft des Gedeihens selbst für sich allein beanspruchen wollten. Besonders die Stämme des Südens und Ostens forderten es auf, ihnen seine Magie zu verraten. Jahrelang umlagerten sie es, bauten ganze Städte um es herum. Das war allerdings gefährlich. Denn wenn es Appetit bekam und „HUUUUNGER“ schrie, sodass die Erde erzitterte und Berge und Täler aufrissen, wurde so manche Siedlung verschüttet unter Feuer, Erde und dem Wasser, das der hungrige Atem des Mampfrofolos heraufbeschworen hatte.

Die Ernte der Stämme des Südens und Ostens, die all das überlebten, war allerdings reichlich. Ihr Wissen um den Ackerbau und die Zivilisation wuchs so sehr, dass sie weit über ihre Grenzen hinaus bewundert wurden.

Die Stämme des Nordens und Westens waren seit jeher große Jäger. Auch sie hörten, welche Gaben ihre Vettern im Süden und Osten erhalten hatten. Man sagte, kein Winter, keine Dürre könnte durch ihre Mauern dringen.

Als ein besonders harter Winter auf einen besonders trockenen Sommer folgte und die westlichen und nördlichen Stämme unter einer großen Not litten, weil sie kein Wild zum Jagen, kein Kraut zum Heilen mehr fanden, war ihr Neid auf ihre Vettern so groß, dass sie ihre Waffen nahmen und in den Krieg zogen.

Die Stämme des Südens und Ostens waren allerdings gegen Angreifer gut gerüstet und verstanden sich ausgezeichnet auf die Verteidigung, während jene aus Nord und West über die Jahre der Jagd zu hervorragenden Angreifern und Strategen, die sich auf jede List verstanden, herangereift waren. Schon bald herrschte zwischen Ihnen ein Patt.

Da schmiedete der Kriegsherr des Nordens einen teuflischen Plan. Er wollte das Mampfrofolos erlegen, um nicht nur mit seinem Fleisch seinen Kriegern übernatürliche Kräfte zu verleihen, sondern um die anderen Stämme ihres Wissens, der Quelle ihrer Heilung zu berauben. Die Herrin des Westens hörte schon bald von seinem Plan und verlangte für ihr Schweigen gegenüber den anderen Stämmen die Hälfte des Fleisches. Der Nordherr musste widerwillig in diesen Handel einschlagen.

Aber wiederum schmiedete er einen Plan, wie er das Fleisch nicht teilen musste. Er verriet den Süd- und Oststämmen die Stellung der Westherrin, wenn sie ihm einen Besuch des Mampfrofolos, das durch ihre Mauern geschützt war, gestatteten. Sie schlugen ein.

Als allerdings sie Ost- und Südstämme siegessicher das Kriegslager der Westherrin eingekreist hatten, schrie diese: „Verrat und Galle! Verschont mich und ich sage euch, wie ihr euch noch vor den Ränken des dunklen Nordens retten könnt!“

So schickten sie einander Boten und schlossen Frieden, um gemeinsam den Plan des Nordherren zu vereiteln.

So zogen sie gemeinsam ins Feld. Da hörten sie einen grauenvollen Schrei! Dem Nordherren war es gelungen, das uralte Wesen zu erlegen. Schnell verteilte er die ersten Rationen des Mampfrofolos-Fleisches an seine Krieger und Kriegerinnen. Denn schon sah er seine Feinde vereint auf seine Stellungen einstürmen. Seine Krieger und Kriegerinnen waren jedoch nun dreimal so stark. So waren ihre Kräfte einander ebenbürtig und ein jeder Krieger, jede Kriegerin starb bis auf die Anführer und Anführerinnen der Heere, die auf dem Leichnam des Mampfrofolos ihr letztes Gefecht stritten.

Als sie aber am Ende ihrer Kräfte angelangt die Aussichtslosigkeit ihres Kampfes begriffen, als sie sahen, dass sie die Quelle ihres Wissens und ihrer Heilung für immer getötet hatten, überkam sie eine große Trauer.

Voller Schuldbewusstheit ließen die vier ihre Waffen fallen und weinten bitterlich. Da wuchs an den Stellen, wo ihre Tränen das Blut des Mampfrofolos berührten, in jede Himmelsrichtung eine Blume in einer je anderen Farbe.

Eine tiefe Stimme erschallte: „Eure Gier hat mich getötet und eure Völker in Hunger und Not gestürzt. Schließt Frieden und bringt jedem Stamm je ein Viertel meines Fleisches, so dass ihr wieder leben könnt. Mein Wissen in seiner Ganzheitlichkeit sei jedoch bis zum Tag eurer Vereinigung in diese vier Blumen geteilt. Nehmt sie samt Wurzel und pflanzt sie in eure Lande, damit sie nach je ihrer Art gedeihen!

Eine Gabe allein jedem Stamm und nur eine, zweite Gabe, die ihr selbst zu entdecken habt, die mehr als die Summe der Vier ist, mag alle vier Blüten, alle Richtungen wieder vereinen und mich in neuer Gestalt wieder gebären!“

So gingen der Nordherr mit der salzigen Erdblume, die Ostarin mit der Luftblume, der Südling mit der Blume des Feuers und die Herrin des Westens mit der Lilie des Wassers in ihre Heimat zurück und taten wie ihnen geheißen.

Man sagt, noch heute suchten sie des Nachts im Mondenschein, wenn alle Richtungen gleich beschienen, nach jener Kraft, die alle vier Blüten vereint. Denn aus Trauer über den Mord des Nordherren hätte die Sonne selbst, so sagt man, sich seit diesem Tag nicht mehr in seine Richtung geneigt. Nur einen fernen Stern der Hoffnung schickte sie dem eisigen Herren, auf dass er ihm in der Dunkelheit den Weg in die Heimat zeige, dorthin, wo nur der Duft seiner Salzblume, so er ganz bis zur letzten Träne enträtselt, in seinen Atem, vom aufbrechenden, heilenden Osten umweht, das neue Licht bringe, bis zum Herzen, wo das Feuer des Südens brenne, das Blut des Westens rein und hell ihn umfließend …wärmte.

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