Füßosophie – Leichtfüßiges Sprechen


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Da sitzend spielen sie meine Stirn, mein Haupt, wollen Lachen und Denken sein, sich den Himmel besehen. Meine Füße. Endlich kommen sie zu Wort: Wie nah die Sonne ist, die Wolken – beinahe kann ich sie meine Zehen kitzeln spüren. Wie schön das Gras doch von hier oben ausschaut! Nur der ganze Müll an dieser einsamen Bank! Dort möchte ich nicht hineintreten. Es ist nur eine Zigarettenpackung, ein Trinkbecher und eine Flasche Wein. Viel weniger als wenn es hier einen Mülleimer gäbe! Der wäre an diesem einsamen Ort bestimmt voll. Weil man ihn für einsam hielte und die vielen anderen Besucher, die die Stille suchten, an ihren Mülleimer glaubten, ihren Müll mitbrächten und aus lauter Frust daneben stopften.

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Da fragen sich meine nackten Füße, ob sie nicht unendliches Glück haben, dass es an so stillen Orten so wenig Mülleimer gibt. Gibt es überhaupt soviel Müll vielleicht nur, damit die Mülleimer voll werden? Vielleicht gäbe es den Müll ja gar nicht, würden wir weniger Mülleimer aufstellen, mehr stille Orte wie diesen suchen. Vielleicht gibt es auch nur so viele Gefangene, weil es so viele Gefängnisse gibt. Wäre doch schade, die Betten stünden leer und niemand ginge auf die Toiletten, direkt neben den Betten. Vielleicht sagen sich das die Fänger und Gefangenen insgeheim. „Danke! Ohne Dich hätte ich keine Aufgabe!“ Treffen sich vielleicht des nachts all die scheinbaren Widersacher, um ihren Zweck, ihr Ego nicht zu demütigen und verabreden neue Schaukämpfe? Der Mülleimer, der den Müll bekämpft, ohne den es ihn nicht gäbe? Der Opferverband der wütenden Opfer, der den Täterverband der sich in die Opferrolle rettenden Täter bekämpft, damit die Opfertäter die Täteropfer vor den Rettungsopfertätern retten, ohne die es keine Rettungstäteropfer geben könnte? Ein nie endender Kreislauf des Kämpfens… möglicherweise. Viele seltsame Fragen beschäftigen meine Füße und genießen jeden Moment, in dem sie nicht mittanzen im Kreis der Mülleimer und Müller. Wir könnten doch andere Füße fragen, welche, die öfter nackt sind, die die Welt und die Menschen besser kennen als wir. Spontan fällt mir unser Hund Balin ein. Seine Füße scheren sich nicht um den Untergrund, fürchten nicht seinen Schlamm, seine Krümel und Piekser. Auch Seine Augen sehen den Menschen direkt an, ohne Scheu, ohne Scham sich bedecken zu müssen. Festes Schuhwerk, feste Augenbinden, die fehlen seine Füßen. Ja, ihn sehe ich ganz genau vor mir und ich frage ihn: Hast du eine Antwort?

„Wuff! Wuff!“ Jaaaaaaa endlich eine Antwort, die Sinn macht. Zur Sicherheit frage ich ihn nochmal. Doch wieder antwortet er: „Wuff! Wuff!“

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DAS IST ES! Welch wunderbare Sprache! So frei, so ehrlich, so genau! Und natürlich hat er Recht. Seine Füße müssen es wissen! Keine Relativsätze, Appositionen, Gedankenstriche, kein langatmiges Vokabular. Einfach: „Wuff! Wuff!“

Mein Herz beginnt sich beruhigen. Mein Atem ebenso. Tiefes Durchatmen!

Jetzt finden auch meine Füße Gefallen an ihrer Weisheit. Und so beginnen wir uns all den anderen so dringenden Fragen zu stellen. Wie z.B.: „Wie bringen wir, meine Füße und Ich, den Prüferinnen der Literaturwissenschaft am Montag nur bei, dass es in Ingeborg Bachmanns Malina um Selbstliebe geht? Dass weder Ivan, noch Lily, noch Malina im Außen existieren, sondern Das Erzählende Ich selbst sind, eben jenes Ich, das ihr Kindsein, ihren Animus, ihre weisen Helfer, vom Schriftsteller bis hin zum emotionalen Partner, getrennt von ihr selbst widerspiegelt. Dass Sie, das Ich, diese Seelenanteile aufgrund des Missbrauchs durch ihren Vater in ihrer Kindheit abspalten musste, um zu überleben und nun langsam den Weg der Heilung geht, zusammen mit den Geheimniswächtern ihrer Traumata?“

Endlich verfliegen Stephen Karpmans Dreieck und seine dysfunktionalen Beziehungsmuster, abgeleitet aus seiner Spieltheorie, dem Täter-Retter-Opferdasein, der Grundformel fast aller literarischen Spannungsbögen. Es verfliegen Carl Gustav Jung und seine Archetypen,  es verfliegen van der Hart und Nijenhuis mit ihrer strukturellen Dissoziation, ihre AnPs und EPs, die traumabedingten Persönlichkeitsabspaltungen, die Ich-Defizite, die auf ihre Re-Integration warten. Auch mein schamanisches Wissen über die Rückholung von Seelenanteilen brauche ich meinen Prüferinnen nicht zu erzählen, ihnen nichts von der Spaltung der Wissenschaft in ihre fachgerechten Seelenanteile zu erzählen, die fremde Fachgebiete aussperrt aus ihrem Erkenntnisgewinn.

Bloß keinen Schamanen oder schlimmer noch: wissenschaftliche, menschenbezogene Fachgebiete in ihrer vollen Tragweite und da erst recht nicht DIE Psychologie fragen! Bloß nicht! OK, einen vielleicht, Freud vielleicht… dem kann man ja ganz gut widersprechen. Der ist ja auch tot. Was will der noch dazulernen? Das müssen wir auch. Tot sein? Nichts dazu lernen? Von den Fortschritten der Psychologie? Nein: Einen Diskurs führen. Am besten mit den Toten. Den Anschein von Interdisziplinarität wahren. Ist doch ein so schönes Wort. Ein Fachbegriff. Lateinisch. Eingrammatisiert. Wow! Aber eigentlich müssen, nein wollen wir doch damit unseren Berufsstand wahren. „Hier ist jemand traumatisert. Ja, sie wurde wahrscheinlich als Kind von ihrem Vater missbraucht! Schnell, ruft einen Literaturwissenschaftler!“ Diesen Witz brauche ich ihnen am Montag nicht aufzutischen, um unsere latent engstirnige Beschuhung, die unsere Füße mit Blindheit besohlt, sichtbar zu machen. In unseren Fußstapfen gingen seit jeher nur Bücher, lyrische Ichs. Reine Fiktion. Wir reden bis heute nicht von Menschen, sondern von Büchern. Den Worten. Möglichst ohne Autoren. Und das sind ja Menschen. Nichts ist so undeutlich wie ein Mensch. Da lieben wir unsere Worte. Hier können wir so tun, als hätten wir logische Beweise. „Alles konstruiert. Vielschichtig deutbar. Ambig.“ Bücher, die nicht aufhören zu erzählen, damit wir nicht aufhören Literaturwissenschaftler zu sein. Denn der Rotstift kürzt uns unser Vertrauen, unser Empfinden. Wären diese vielen Worte doch stiller, es gäbe weniger Mülleimer und wir alle brächten weniger Müll an diesen schönen beschriebenen Ort zwischen zwei Deckeln, wo DER MENSCH sich Gehör verschafft, seine Fußabdrücke hinterlässt. Doch nun sprechen meine Füße!

Dieses Mal habe ich eine Antwort auf den ganzen Buchstabensalat. Endlich habe ich sie und ich werde in meine Prüfung gehen, ihnen meine nackten Füße zur Versöhnung reichen und die einzig treffenden Worte sagen, die zu finden sind zur Literaturgeschichte der letzten 2-3 Tausend Jahre: „WUFF! WUFF!“

Danke Balin!

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