Das Einsame Haus – Part I


einsames_haus_nachtgasse

I Der richtige Augenblick

Jeder meiner Schritte knisterte steinern zwischen meinen Sohlen, malmte knirschende Geräusche in den winterkühlen Asphalt. Ihr Echo hallte von schlafenden Häusern dunkelblau, Schattenrieseln umgab den schneeumwehten Laternenschein.
Ich träume, flüsterte der unsichtbare Faden, der mich wie durch einen magischen Sog die lange Gasse entlang führte. Noch während meine Hände nach etwas Sichtbarem tasteten, bemerkte ich, dass Füße und Beine längst innehielten. Ich war da. Wohin auch immer ich gehen sollte, ich war da.

Ein uraltes Haus, verfallen, riesig, viel zu groß für den kleinen Ort, formte sich zu meiner Rechten aus dem Schatten der benachbarten Reihenhäuser. Ein alles verfinsternder Schatten, geboren aus dem Abstand von allem, was noch Licht war, gebot, umarmte meine suchenden Blicke.
Warum ging ich nicht weiter? Hörst du nicht? flüsterte die Stimme des Fadens. Ein winziges Schluchzen rauschte durch den Wind, nahm meine Augen bei der Hand und ließ mich zum ersten Mal das kleine Mädchen sehen, dessen Stimme ich sofort erkannt hatte, noch bevor sie ein Wort sprechen konnte.

Hilf mir! Lass mich nicht allein! Ich habe kalt! Bitte!
Ich zitterte beim Anblick dieses ärmlichen Wesens, eingehüllt in einen fahlbraunen, übergroßen Männermantel. Oder war es ihr Zittern, das mich schaudern ließ?
Komm! Komm mit mir nach Hause! Bei mir ist es warm!“, sagte ich unwillkürlich.
Ich kann nicht mit dir nach Hause kommen! Du musst bei mir bleiben!
Warum?“
Ich bin schon zuhause. Bitte geh nicht weg!
Also gut, ich bleibe! Hab keine Angst!“
Noch bevor ich meine merkwürdig klare und direkte Entscheidung überdenken konnte, setzte ich mich zu ihr neben die offene, halb in den Angeln hängende Haustür. Der Wind pfiff durch die Gänge, die Fenster waren eingeschlagen, die lose herabhängenden Läden klapperten müde vor sich hin. Einst ein großes, ansehnliches Landhaus vermutlich.

Was machst du hier?“, fragte ich das bibbernde Mädchen.
Ich warte.
Worauf denn?“
Auf die richtige Zeit. Bist du die richtige Zeit? Du musst es sein!
Zeit? Ähm, nun ja ich bin eben, also ich kam gerade jetzt hier entlang…“
Jetzt? Hier? Du Mu…MUSST es sein!
Also, versteh‘ mich bitte nicht falsch. Ich möchte dir ja gern helfen, aber… Schau… Hier ist es doch viel zu kalt. Du musst doch irgendwo schlafen… Komm doch…“
Also BIST du es! rief das kleine Mädchen mit weit aufgerissenen Augen. Komm! Folge mir!
Sie sprang auf und nahm mich bei der Hand. Ich verschluckte einige meiner Fragen, die mir auf der Zunge festgefroren schienen. „Halt, halt! Nicht so schnell! Wo gehen wir denn…?“
Nein, nicht <wo>! Wann! Du bist der Richtige!
Wie bitte?“
Ich warte schon so lange auf Dich!
Wen?“
Den richtigen… flüsterte sie und zog mich am Ärmel, als wollte sie mir ein Geheimnis verraten. Ich beugte mich tiefer zu ihr hinunter.
Der riiiiichtige Augenblick! hauchte sie verheißungsvoll in mein Ohr.

Sofort zog sie mich weiter hinein in das Haus, eilte zur Hintertür wieder hinaus, mitten hinein in einen weitläufigen Garten. Vor einem Brunnen blieb sie stehen.
Da! Hier ist es!
Was denn?“
Du bist es doch- oder? DU musst es doch sehen können! Nur du kannst es!
Ihre Stimme wurde wieder flüsternd und eilig schaute sie sich um, bevor sie weiter sprach.
NUUUR wir beide!
Also ich weiß nicht, was du…“ und da sah ich es, mitten in der Luft zwischen uns. Ein kleiner Kringel aus Nebel, der sich in der Luft schwebend nach innen rollte.
Hier hinein! Folge mir!
Und noch bevor ich etwas einwenden konnte, nahm sie meine Hand und ging mit mir auf die winzige Spiralwolke zu. Ich fiel und drehte mich. Hinein in die Nacht, hinein in steingewordenes Grau.

Alles wirbelte um uns herum, alte Möbel, Dachziegeln, Fenster, Bäume und Büsche. Aus dem Chaos formte sich so schnell eine neue Ordnung der Dinge, dass mir schwindlig wurde.
Du kannst jetzt loslassen, rief eine Mädchenstimme. Wir sind da!
Gleißendes Licht umgab mich. Vor mir baute sich ein prachtvolles Anwesen auf. Alle andern Häuser waren mit einem Mal verschwunden und grüner Frühling sonnte sich unter einem weißblauen Himmel.
Danke! rief das Mädchen und ihr Kichern gluckste wie ein plätschernder Bach davon.
Ich lag am Boden und sah zwei nackte Kinderfüße unter einem roten Kleidchen auf einen Gartenzaun zulaufen. Es war derselbe Garten, doch ganz anders. Uferloses Weideland umgab mich, so weit wie der Himmel selbst, beträufelt mit grasenden, weißen Wollwolken. Schafe, wohin das Auge sah! Doch wo war dieses <Wohin>?

Ich war noch gar nicht richtig angekommen. Wie eine zu Boden geworfene Filmkamera war mein Blick zerschmettert, eingemeißelt, meine Sinne wie gefesselt. Wo war ich? Ich hörte Kinderlachen. Meine Glieder schmerzten. Nur langsam, Muskel für Muskel stemmte ich mich auf meine Knie. Ich spürte um mich und in mich eine unbeschreibliche Wärme hineinsickern, mein Blut wieder zum Fließen bringen. Endlich kehrten meine Sinne wieder zu mir zurück. Behäbig wie ein Bär, der sich nach langem Winterschlaf wieder aus seiner Höhle schleppt, streckte ich mich dem eigenartig hellen Raum um mich entgegen, um kurz darauf ebenso verblüfft wieder zu erstarren. Was für ein wundersamer Ort! Wie aus einer fernen Zeit. Vergangen sicherlich. Alles war neu und intakt und doch so rustikal, so verschnörkelt und verwachsen mit der Natur um mich herum. Efeu und Wein kletterte die Fassade des Hauses entlang, ein Kater räkelte sich vor einer Eichentür. Blumen in allen warmen Farben schmückten die Fenster, Wiesen und Beete.

Du hast es geschafft!
Boah, hast DU mich erschreckt!“
Hinter mir stand das Mädchen, völlig verändert und zoppelte an meiner Jacke. Ihr blondes Haar wehte im Wind. Wir mussten in der Nähe des Meeres sein.
Wo kommst DU denn auf einmal so schnell…“
War kurz überallhin gerannt.
Überallhin?“
Jepp!
Verdutzt schaute ich zu dem quickfidelen Wesen hinunter, das fröhlich lächelnd von einem Bein aufs andere tänzelte und seine Arme hinter wippenden Schultern neckisch verbarg.
Du hast es geschafft! …Aaaaber, es gibt noch soooooo viel zu tun! Wir müssen den Wirbeln folgen. Weißt du, das war nur der erste! Und wenn wir nicht alle finden, dann…
Langsam, langsam… was finden? Was geschafft?“
Na, die Wirbel! Nur wir beide können sie sehen. Und wir müssen durch sie hindurch, bevor die Angstmacher wiederkommen!
Plötzlich flüsterte sie wieder. Es kommt auf den richtigen Augenblick an.
Den richtigen….“
Pssssst! Leise! Du darfst deinen innersten Namen hier nicht jedem sagen! Wenn die Angstmacher DICH finden und erkennen, wer DU wirklich bist, dann kommt wieder IHRE Zeit.

Ich zögerte. „Aber was habe ich denn jetzt geschafft?“
Du hast mich nach Hause gebracht!
Noch bevor ich weiter fragen konnte, rannte das Mädchen lachend davon.

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