Das Einsame Haus – Part II


Leuchtturm

II Die Angstmacher

Es dauerte einige Tage, bis ich mich an dem neuen Ort eingelebt hatte. Ich erinnere mich, dass ich in dem neuen Haus schlief und aß, doch die Räume und Bewohner des geheimnisvollen Gebäudes blieben mir verborgen. Wie durch einen Schleier schritt ich jeden Morgen die knarrende Holztreppe hinab -lichtdurchflutet, golden – und setzte mich an einen gedeckten Tisch. Draußen tobten Kinder. Es waren drei Mädchen. Doch sobald ich das Haus verließ, trollten sie in alle Richtungen davon. Ich machte mich mit meiner neuen Umgebung vertraut. Etwas oberhalb des Weidelandes erstreckten sich kleine Hügel, bewacht von einem Leuchtturm. Das Meer lag unterhalb einer steilen Klippe. Erdige Wege führten in ein weit entferntes Landesinnere. Andere Menschen außer den drei Mädchen hatte ich noch nicht gesehen, doch musste es wenige Kilometer entfernt andere Höfe geben. Zwei Fragen beschäftigten mich immer wieder bei meinen Spaziergängen: Wer waren die Angstmacher und was hatte es mit den Wirbeln auf sich?

Immer wenn ich versuchte an einen neuen Ort zu kommen, einen der anderen Höfe zu finden, machten die Wege unter meinen Füßen kehrt. Kaum, dass ich mich umsah, tauchte das einsame Haus wieder vor mir auf. Ich schien gefangen.
Geh zum Leuchtturm!  – Da war sie wieder, die Stimme des roten Fadens.

Der Leuchtturm lag etwas oberhalb des einsamen Hauses auf steinigem Felsboden. Auch er war von einem weiten Holzzaun umgeben. Manchmal hatte ich die Mädchen hier spielen sehen. Kichernd und laut johlend kletterten sie über die spitzkantigen Felsvorsprünge oder spielten Fangen auf der großen Wiese, etwas unterhalb des kleinen Pfades, der sich vom Gartentor hinauf zur alten, verwitterten Leuchtturmtür schlängelte.
Mehrmals hatte ich schon versucht, den Turm zu erkunden. Doch immer, wenn ich mich Zaun näherte, verstummten die Mädchen, sprangen eilig zum Gartentor und liefen davon, nicht ohne das Tor sorgsam zu verschließen. Aus irgendeinem Grund – und das wurde mir jetzt erst klar – konnte ich nur die offenen Gartentore durchschreiten. Auch die kaum hüfthohen Zäune waren wie verzaubert – unüberwindbare Hindernisse. Das Tor zum Leuchtturm war allerdings immer verschlossen und nur die Kinder konnten es öffnen. Sooft ich es versucht hatte, mir war der Weg versperrt.

Warum sollte es diesmal klappen? Dennoch folgte ich, zwar etwas zweifelnd, aber mit einer mir altvertrauten und unerklärlichen Gewissheit der Stimme Fadens und setzte Fuß vor Fuß in Richtung des kleinen Hügels, der das Haus zu bewachen schien. Ein seltsamer, grollender und bebender Wind umgab – wie auch all die anderen Male, als ich hier entlang gegangen war-  den alten rot-weiß gestreiften Turm. Sein Putz war längst verblasst und die trüben Gläser des auf ihm thronenden Lampenraums wirkten undurchsichtig, fahl wie graue Milch. Er schien schon lange nicht mehr in Betrieb zu sein. So glaubte ich es jedenfalls. Denn, wie sehr ich auch versuchte am Abend wach zu bleiben und einen Blick aus meinem Fenster auf den Turm zu erhaschen… sobald ich auf mein Zimmer ging, dem einzigen Zimmer – außer der Küche und dem kleinen Bad – das ich betreten konnte, schlief ich tief und fest ein, um erst am nächsten sonnenbeschienenen Morgen wieder zu erwachen.

Am Gartentor angekommen blieb ich überrascht stehen. Denn die Tür war nur angelehnt. Keine Menschenseele war zu sehen. Sollte ich es wirklich wagen?
Geh hindurch!
Also ging ich. Pfeifend und johlend peitschte der Wind auf mich ein, als wollte er mir mein Vorhaben hinfort wehen. Der Weg war beschwerlicher und rauer, als ich es geahnt hatte. Oben angekommen bekam ich es mit der Angst zu tun. Was oder wer erwartete mich hier? Langsam drückte ich die rostige Türklinke nach unten und zog. ZU! Ich zog etwas fester und drückte und rüttelte, doch die Tür rührte sich nur einen winzigen Spalt, um dann knarrend in ihre alte Position zurückzufallen. Ich klopfte.

WER DA? – grollte es plötzlich aus dem Inneren.
Ich erschrak. Denn es war meine Stimme, die auf das Klopfen antwortete. Erst jetzt bemerkte ich, dass es völlig windstill um mich geworden war.
„Ähm ich bin… möchte, also… dürfte ich?“
ICH WEISS, wer DU bist!  – unterbrach mich meine eigene Stimme hinter der verriegelten Tür.
WAS WILLST DU?
Noch bevor ich das eigentlich wusste und bevor es mir wirklich klar war, warum ich hier war, formten meine Lippen die richtigen Worte: „Ich suche die Wirbel. Ich möchte dem kleinen Mädchen aus dem einsamen Haus helfen.“

Stille.

Als ich mich gerade umdrehen wollte, um wieder zu gehen, ertönte erneut meine eigene Stimme aus dem Inneren des Turms:
WARTE HIER!
„Aber worauf?“
DAS WEISST DU SELBST!
„Aber…“
WER BIST DU?
„Ich…“ Da fiel es mir wieder ein. „Ich bin der richtige…“
SCHWEIG und WARTE!

Wieder Stille.

Warten. Ich klopfte noch einmal. Die Stimme hinter der Tür kehrte jedoch nicht mehr zurück. Es wurde schon Abend und bald müsste ich zum Haus zurückkehren. Nichts passierte, während es immer dunkler wurde. Der Wind war ebenso heftig und polternd zurückkehrt, eben in dem Moment, als die so merkwürdige Stimme von der anderen Seite erstorben war. Warten! Na toll! Worauf denn? Es wird schon Abend… und da wurde es mir plötzlich klar. Ich musste hier die Nacht verbringen. Ich musste wach bleiben. Vielleicht würde es mir hier gelingen!

Es mussten Stunden vergangen sein. Der Wind war verebbt und säuselte gemächlich um die sternbeschienene, tiefschwarze Nacht. Ich fror, während ich mich an die Leuchtturmtür kauerte. Da hörte ich ein Klacken hinter mir. Sofort sprang ich auf und drehte mich um. Quietschend, wie von Geisterhand öffnete sich der Eingang. Langsam setzte ich meinen rechten Fuß nach vorn, versuchte nach der Tür zu greifen und da geschah es. Ein schreiender, riesiger Schatten rauschte auf mich zu, durch mich hindurch und blieb hinter mir stehen. Schnell sprang ich in den Turm und noch während ich die Schwelle des alten Gemäuers überquerte, hörte ich ein knarrendes Rattern und Surren, als wäre der Turm gerade erwacht. Eine dunkle Hand streckte sich hinter mir nach mir aus und wurde sofort wieder fortgerissen. Während das Surren mit einem Mal einrastete, preschte ein riesiger Lichtkegel aus dem Lampenraum den Hang hinab, riss den Schatten mit sich und strahlte hinaus in die Ferne.

Hinauf! Schnell! – rief der Faden in meinem Bauch.

Ohne zu wissen, was gerade geschehen war, rannte ich die eiserne Wendeltreppe hinauf in den Lampenraum. Seine Glasfenster waren plötzlich rundum klar und durchsichtig wie am ersten Tag. Nur der riesige Scheinwerfer wirkte, als leuchtete er mit letzter Kraft. Immer wieder unterbrach ein Flackern den sonnengelben Strahl, dessen Ende still an einem fernen Ort ruhte. Ich lief zu der Stelle, wo er den Turm verließ, hinaus auf den balkonartigen Rundgang und sah unter mir das einsame Haus. Ein einzelnes Fenster leuchtete unter seinem Dach. Wie klar ich doch auf einmal sehen konnte, als wären meine Augen zu Ferngläsern geworden. Da sah ich sie, die kleine Insel, wenige Meilen von unserer Küste entfernt, umrankt von dunklen, gewittrigen Wolken.

Der Lichtkegel machte auf unserer Landseite Halt und beschien eine hohe Klippe, von der sich eine abgebrochene Steinbrücke über das Meer hianus streckte. Ich petzte meine Augen zusammen, um genauer zu sehen. Überrascht stellte ich fest, dass meine Augen gehorchten. Wie durch einen Zoom flogen meine Blicke in Windeseile über die Landschaft hinweg und blieben auf dem Vorsprung der im Nichts endenden Brücke stehen. Etwas Kleines, Nebliges rollte sich ganz nah vor mir, als genügte es, meine Hand auszustrecken, um es zu erreichen. Hier war er. Der nächste Wirbel. Ich versuchte danach zu greifen und beugte mich nach vorne über das Geländer. Das Licht hinter mir flackerte immer stärker.

NEIN!

Erschrocken zog ich meine Hand zurück. Fast hätte ich mein Gleichgewicht verloren und wäre über das gittrige Geländer hinab gestürzt. Die Lampe des alten Turms war erloschen und unter mir, am Zaun sah ich das kleine Mädchen barfuß in einem mondweißen Nachthemd stehen, rufend, ihre kleine Hand nach mir ausgestreckt. Sofort rannte ich wieder nach draußen. Da fiel sie mir auch schon weinend und lächelnd in die Arme.

Danke! Danke! Du hast ihn verscheucht! Endlich!
„Aber was machst du denn hier so spät, mitten in der…“
Der Turm! Du hast es geschafft!
„Hach du, was habe ich denn diesmal geschafft?“
Du hast den Leuchtturmwärter verscheucht. Er war der erste Angstmacher.
„Da war niemand. Also nicht so richtig. Als ich den Turm betrat, erwachte er irgendwie zu neuem Leben. Ein Schatten wohnte in ihm. Er rauschte durch mich hindurch und der Lichtstrahl trug ihn zu einer Insel, nicht weit von hier. Er hatte meine Stimme. Es war gruselig.“

Ich weiß.

„Aber woher…“
Wieder nahm sie meine Hand.
Weißt du, es gibt viele von ihnen, doch eigentlich ist es immer nur einer. Dein inneres Leuchten hat ihn verscheucht und den Turm wieder strahlen lassen.
Wir schwiegen, während wir zum Haus zurück schlenderten.
Du hast ihn gesehen, oder? Den nächsten?
„Wen?“
Den nächsten Wirbel.
„Ja, an einer alten Brücke, die zur Insel zeigte.“
Gut! Komm! Wir gehen jetzt schlafen. Morgen gehen wir zusammen.

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