Das Einsame Haus – Part III


Nachtwald

 

III Der Traumsamen

Am nächsten Morgen gingen wir in aller Frühe los. Die Sonne kämmte ihre heran wehenden Strahlen an den Baumwipfeln am Horizont. Wir mussten die tiefen Wälder im Osten des Landes durchqueren, um zum alten Brückenabsatz zu kommen, wo der nächste Wirbel auf uns wartete. Ob ihn wirklich nur wir beide sehen und bereisen konnten? Eine ganze Weile sprachen wir nicht miteinander, bis wir zur ersten Wegverzweigung kamen. Ich erinnerte mich. Beide Wege hatten mich bisher jedes Mal zurück zum Einsamen Haus geführt. Das kleine Mädchen nahm meine rechte Hand und zog mich mit einem aufmunterndem Lächeln auf den Weg zur ihrer Seite hin.

„Bist du dir ganz sicher, dass das der richtige Weg ist?“, fragte ich etwas zaghaft ihr folgend.
Wieder lächelte sie nur und ging einfach weiter. Na dann blieb mir wohl nichts anderes übrig als mitzugehen.
„Wie heißt du eigentlich?“

Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Es war so leicht und rasch wie eine Feder im Wind, die mich jedoch tief berührte. Sie legte sanft ihre Hand an meine Brust und wartete. Dann schaute sie mit großen Augen zu mir auf. Ohne etwas zu sagen, wandte sie sich wieder ab und ging neben mir weiter. Etwas in mir nickte verständig, ohne Worte dafür zu finden. Staunend warf ich ein um‘s andere Mal einen verwunderten Blick auf dieses mir so bekannt und vertraut erscheinende Wesen, dessen Name kein Wort, sondern ein Gefühl war. Ich musste mehr erfahren.
„Wer sind denn die anderen beiden Mädchen, mit denen du spielst?“
Meine Schwestern.
„Warum laufen sie jedes Mal erschrocken weg, wenn ich vorbeikomme?“
Sie sind traurig, weil sie dich verpasst haben. Sie sind tot, musst du wissen.
„Tot? Aber wie…“
Das Mädchen lachte. Was glaubst du, wo wir hier sind?
„Aber,… aber heißt das, dass wir AUCH tot…“
Natürlich nicht! Wie kommst du denn darauf? lachte sie glucksend und verschluckte sich beinah.
Ich machte ein ziemlich verdattertes Gesicht und schaute fragend zu ihr hinunter.
Hah-hahaha… Duuuu bist lustig! rief sie fröhlich, nahm mich wieder bei der Hand und ging summend und hopsend neben mir her. Ich mag Dich! sagte sie plötzlich. Dann gingen wir wieder schweigend den Weg entlang.

Ich hatte so viele Fragen, doch die Antworten des Mädchens waren geheimnisvoller als meine Fragen selbst. Wir kamen an den Waldrand. Düster, wogend im Wind erhob sich wie eine unendliche Mauer ein dunkelgrünes, mal golden und hell durchzupftes Dickicht. Wir blieben beide unwillkürlich stehen.
„Wo sind deine eigentlich deine Eltern?“
Sie schwieg und ihr Blick wurde traurig, dunkel wie der Wald.
„Du hast doch Eltern?“
Sie nickte stumm und sah langsam mit tränenden Augen zu mir auf.
„Wo ist deine Mutter?“
Sie ist allein. Sie ist immer allein.
„Aber wo?“
Das kleine Zimmer unterm Dach. Du hast es gestern gesehen.
„Ich dachte, das wäre dein…“
Das war es einmal. Jetzt ist es versperrt. Sie kommt nicht hinaus und niemand kommt zu ihr.
„Aber warum?“
Sie ist einsam und hat Angst.
„Und dein Vater?“
Er ist schon lange fort. Er ist bei denen, weit hinter diesem Wald.
„Dann können wir ihn ja suchen!“
Als hätte ich etwas unglaublich Dummes, Sinnloses und zugleich Wahres gesagt, schaute sie mich an, öffnete kurz ihren Mund, um dann, als sei ihr plötzlich ein anderer Gedanke gekommen, die Lippen zu einem Lächeln zu schließen.
Lass uns gehen!

Seltsam war dieser Wald! Unzählige Pfade lagen überwuchert, fast nicht zu begehen um uns herum, bedeckten sich rasch mit Farnen und Zweigen, sobald wir uns näherten. Nur ein Weg, gerade so schmal, dass wir uns eng aneinander gerückt hindurchschlängeln konnten, gab im letzten Moment mit einem Rascheln zu verstehen, dass wir hier entlang müssen. Zumindest war das kleine Mädchen dieser Ansicht.
Oh, hast du das gehört? Er hat uns zu geraschelt! Hier lang! rief sie immer wieder völlig entzückt und zog aufgeregt an meinen Arm.
„Bist du dir sicher?“ hatte ich noch an den ersten Weggabelungen gefragt.

Du bist doch bei mir! Du bist der richtige… naja also: Es kann gar nicht anders sein! Dieser hier! Jetzt! Komm! lautete ihre Antwort jedes Mal.
So gab ich es auf zu fragen. Immer tiefer gelangten wir in den Wald.

„Ist dir auch schon aufgefallen, wie eigenartig die Bäume hier aussehen?“, fragte ich nach einer Weile.
Hm?
Das kleine Mädchen schien sich sehr über meine Frage zu wundern.
„Naja, manche blühen, manche tragen Knospen, Früchte oder gar keine Blätter, scheinen fast tot zu sein. Auf manchen liegt sogar Schnee, als wäre es Winter. Und wieder andere scheinen alle Jahreszeiten auf einmal zu tragen.“
Es kommt darauf an, was man gerade träumt.
An meinem Blick sah sie, dass ich daraus kein bisschen schlauer geworden war. Wieder nahm sie mich verständnisinnig bei der Hand.

Ach du! Du musst wissen, dass jeder seinen eigenen Baum hat. Wir müssen unseren finden.
„Eigener Baum? Unseren?“
Alles, was wir träumen wurzelt tief in uns drin! Guck hier!
Sie zeigte auf ihre Brust, als gäbe es da etwas völlig offensichtliches zu entdecken.
„Ahja.“ Ich tat so, als wüsste ich genau, was sie meinte und für einen Moment war mir, als hätte ich ein Glühwürmchen an ihrem Zeigefinger vorbeihuschen gesehen. Oder war es aus ihr heraus gekommen? So ein Unsinn!
Siehste! rief sie laut, um gleich wieder in ihren geheimnisvollen Flüsterton zu verfallen: Und daaaaann wird daraus ein großer Baum. Wenn wir Angst bekommen, dann stirbt der Baum oder bekommt welke Blätter und tote Äste. Wenn wir uns freuen, blüht er und bekommt leckere Früchte.
„Willst du damit sagen, dass jeder dieser Bäume zu einem Mensch…“
Psst, leise! Weck sie nicht auf, solange die Angstmacher hier rumschleichen…
Sie blickte sich kurz um und bedeutete mir, ihr mein Ohr hinzuhalten.
Jaaaa! flüsterte sie. Dieser Wald ist das Traumreich der Kinder. Aber jetzt komm!

Langsam wurde es dunkel. Wir mussten schon eine Ewigkeit in diesem Wald sein. Allzu weit schien mir diese Brücke doch nicht entfernt gewesen zu sein, als ich sie vom Turm aus gesehen hatte. Vielleicht hatten wir uns verlaufen? Was wollte sie nur an diesem Baum? Egal, es gab eh immer nur einen Weg, der sich uns öffnete.
„Woher weißt du eigentlich so viel über all das hier? Die Wirbel, der Wald, die Angstmacher?“
Der Leuchtturmwärter, murmelte sie. Er sprach auch von dir. Beinahe hätte ich ihm deinen Namen gesagt und er hätte mehr besessen als nur deine Stimme.
„Aber was wollte er von dir?“
Die Angstmacher sind nur glücklich, wenn alle anderen auch so viel Angst haben wie sie selber. Vor allem vor der Zukunft haben sie Angst. Sie sehen überall Gefahren und Probleme und wollen, dass wir sie auch sehen.
„Wieso bist du dann zu ihm gegangen?“
Sie wissen auch viel und können weit gucken. Er weiß, wo mein Vater ist.
„Hat er es dir verra…?“
Halt! Still! Wir sind da!

Zwei kleine Rosenbüsche sprangen gerade noch rechtzeitig zur Seite, als wir eine große Lichtung betraten. Ein einzelner Mondstrahl wies in ihre Mitte, wo auf einem kleinen Hügel drei winzige, hellgrün verästelte Baumlinge standen, kaum größer als ein Zweig. Sie hatten ihre kleinen Kronen ineinander verschlungen.
Sieh nur! Da!
Unter dem Schatten, den ihre blättrige Umarmung zwischen das Mondlicht und den taunassen Boden warf, lag etwas. Etwas Goldenes und Rundes.

Deeeer Traumsamen! Wie in meinen Träumen!

Das kleine Mädchen riss sich von mir los und rannte auf den kleinen Hügel zu. Da sprangen zwei Schatten hervor und schwebten langsam vor den Bäumchen zu Boden. Sie waren völlig schwarz und leicht durchsichtig wie nebliger Rauch. Nur ihre Gesichter waren hell.
Plötzlich schrie das kleine Mädchen auf.
Meine Schwestern!
Weinend rannte sie zu mir zurück und vergrub voller Angst ihren Kopf in meinen Armen.
„Warte hier!“ Von einem plötzlichen unbändigen Mut ergriffen ließ ich das kleine Mädchen los, streichelte ihr nochmal beruhigend über den Kopf, lächelte zwinkernd zu ihr hinunter und ging mit festen Schritten auf die beiden Schatten zu.

„Wer seid ihr?“
Wir sind die, die dich fürchten! Wir sind die, die hier wachen!
„Warum fürchtet ihr mich?“
Weil wir deinen Namen nicht kennen. Wer bist du?
Ich überlegte nur kurz. „Ich bin der, der eurer Schwester hilft.“
Wir brauchen keine Hilfe! Wir wurden schon einmal betrogen. Er hat uns wehgetan! Bist du es, der uns wehtun möchte?
„Nein, ich traf eure Schwester vor dem Einsamen Haus und habe sie hierher zurückgebracht. Ich war im Leuchtturm. Der Schatten ist weg. Er strahlt wieder. Bitte, wir müssen zur alten Brücke. Bitte helft uns!“
Auf einmal wirkten die beiden Schatten überrascht.
Wir? Helfen? Noch nie wollte jemand wie Du unsere Hilfe! Wieso vertraust du uns? Man kann niemanden vertrauen!
„Ich habe euch am Tag spielen gesehen. Ihr seid wunderbare Geschwister. So voller Liebe, so unzertrennlich! Bitte helft uns!“
Da rannen Tränen ihre Wangen hinab und die drei Bäumchen lösten ihren Griff, so dass der Mondstrahl den golden schimmernden Samen berühren konnte.
Du hast ein mutiges und liebendes Herz! Hier nimm diesen Traumsamen und pflanze unserer Schwester einen neuen Baum auf der Insel! Sie ist ihre Königin. Wir kehren nun endlich heim, jetzt, da wir IHN nicht mehr fürchten müssen.
Der Mondschein wurde nun breiter und hüllte die beiden Schwestern in weiße Kleider. Langsam schwebten sie in die Nacht davon.
Danke! Wir sehen uns zuhause! riefen sie noch zu ihrer Schwester hinab, die längst zum Hügel hinauf gerannt war und ihre Hand nach den beiden ausgestreckt hatte.

„Wen meinten sie denn mit IHN?“
Ach, das ist jetzt nicht wichtig! Hier nimm! Verwahre ihn gut! Schau, die Brücke ist gleich hinter diesem Hang. Wieder nahm sie meine Hand, legte den Traumsamen hinein und wir gingen hinaus aus dem Wald.
Wir kamen an eine alte Schutzhütte.
„Es wird bald Morgen. Ich mach uns hier ein Feuer, dann können wir noch etwas schlafen. Hier sind auch ein paar Decken!“
Eng zusammengekuschelt schliefen wir ein.

 

 

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