Das Einsame Haus – Part IV


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IV Der Wolkenmaler

Die Mittagssonne brannte schon, als wir –noch etwas verschlafen- die alte Steinbrücke erreichten. So klein sie vom Leuchtturm aus gesehen gewirkt hatte, so riesig baute sich nun das einst stolze Bauwerk vor uns auf. Zwei Wagen fänden hier bequem nebeneinander aneinander Platz. Immer Ausschau nach dem Wirbel halten, wagten wir uns weiter vor. Als hätte ein riesiger Hammer die Brücke abgeschlagen, klaffte eine bröckelige Kante unter unseren Füßen, darunter hunderte Meter Fels und ein winzig erscheinender Strand, an das Meer immer wieder seine Wellen warf. Fast ansatzlos war die Brücke in die fast senkrecht abfallende Steilklippe verankert.
Da ist sie, die Insel!
„Du sollst ihre Königin sein!“
Das ist lange her. Lass uns weiter nach dem Wirbel schauen.
„Er war gleich hier, in der Luft.“
Seltsam, ich sehe nichts. Und DU bist doch bei mir.
„Wie war das noch? Ich streckte meine Hand aus und…“
Auf einmal hüpfte etwas in meiner Tasche, begann fast zu glühen. Der Traumsamen! Schnell zog ich ihn hervor. Unruhig drehte er sich in meiner Hand.
Halte ihn mal hin!
Da geschah es, goldenes Licht zerschnitt die Luft, brach wie eine Blase aus ihr hervor und öffnete sich in etwas Kreisendes.

Der Traumsamen zischte und seine Haut bekam einige Risse.
Oh, der Arme! Er braucht Wasser! rief das Mädchen.
„Ja, da hast du Recht! Vielleicht gibt es ja auf der Insel welches!“
Und der Wirbel?
Sie schien ganz verdutzt.
„Na, ich dachte…“
Nicht denken! Fühlen! Komm!
Ich musste wahnsinnig sein. Doch ich vertraute dem Mädchen und diesem eigenartig sich drehenden Gebilde. Denn normalerweise wären wir beide jetzt wie nasse Säcke auf den Strand gefallen. Hand in Hand machten wir einen Schritt nach vorn.

Wieder einmal drehte sich alles um uns herum, Bäume, Steinbrocken, Sand. Alles verwischte vor meinen Augen und wurde tiefblau, grün und dunkel.
Jetzt! schrie sie.
Ich löste meinen Griff und fiel, nein tauchte, nein prallte gegen eine Wand – eine Wand aus Luft. Wo war ich? Über mir kräuselte sich der Himmel, als hätte man ihn in Falten gelegt. Wolkenlos, gelb-weiß schimmernd. Ich stand auf weichem Boden, meine Füße halb versunken. Ich hob mein Bein, doch es war, als zöge ich es durch etwas Flüssiges und Zähes. Auch meine Hand griff in ein kühles, waberndes Blau. Alle Bewegungen schienen wie in Zeitlupe zu verlaufen. Oh nein, wir waren unter Wasser! Reflexartig stoppte ich meinen Atem. Bloß nicht ertrinken! Moment Mal, ich hatte eben noch aus vollen Lungen geatmet! Ich konnte atmen! Ich nahm einen tiefen Zug von dem nassen Blau. Sofort verwandelte es sich zu Luft in meinen Lungen und strömte in kleinen Bläschen wieder aus meiner Nase. Vielleicht hatte ich auch Flossen? Es musste so sein! Nein! Ich sah aus wie vorher. Merkwürdig.

Es dauerte, bis meine Augen sich an das dämmrig strömende Licht gewöhnt hatten. Vor mir breitete sich eine weitläufige Landschaft aus wogenden Pflanzen, weiten Ebenen, Hügeln und Gebirgen aus. Über mir ein schier endloser Himmel aus sich spiegelnden Lichtern. Ein Weg schlängelte sich in ein verborgenes, fernes Land. Er wurde gesäumt von alten Platanen, deren Blätter wie Seetang sich mit einer unsichtbaren Strömung in Richtung der Lichter streckten. Blinzelnd suchte ich nach dem Mädchen.
Ich bin hier! rief sie und kam mit schwebenden Schritten vom Ende auf mich zu.
Wir müssen tiefer gehen!

Vorbei an kleinen Muscheln, Korallen und neugierig uns musternden, scheinbar in der Luft fliegenden Fischen führte uns der Weg zu einem großen See, groß wie ein Meer, glatt wie ein Spiegel. Ein einzelnes steinernes Haus auf einem Hügel blickte über ihn hinweg. Wie schön dieses Meer war! Es glühte mal feurig rot, mal sonnig gelb oder hellblau zwischen dunklen und weißen Formen hindurch.
Oh komm, lass uns baden!
So schnell wir konnten rannten wir zum Strand hinab. Der wasserblaue Mantel um uns hüllte alles in zeitlupenartiges Fließen, strich sein Schattenblau über den kreideweißen Sand.
Halt nicht!
Eine raue Stimme hallte von vom Hügel ab. Ein alter Mann mit langem Bart saß dort vor einer Staffelei und winkte energisch zu uns hinab. Kommt! Kommt herauf!

Was machst du hier? fragte das Mädchen neugierig, das sofort den kleinen Hang hinauf gehopst war. Völlig außer Atem erreichte ich die beiden.
Ich? Ich male.  – raunte er etwas mürrisch.
Was malst du denn?
Hier, schau!
Oh, das sind aber schöne Wolken!
Hm, ja, ist ein guter Tag. Ihr seid gerade zur rechten Zeit gekommen. Wen hast du denn da bei dir?
Prüfend schaute er mich an.
„Ich, och, ähm…“
Er hilft mir.
Oh, das ist gut. Hmm, ja, sehr gut.  – grummelte der alte Mann und begann wieder zu malen.
Das muss heute noch fertig werden, grmmm.

„Verzeihung, aber das kleine Mädchen und ich, wir wollen auf die Insel diesen Samen hier einpflanzen.“ Vorsichtig holte ich den Traumsamen aus meiner Tasche.
Ahja!
Ohne hinzusehen zog der Alte etwas Rotz hoch, spuckte auf seine Leinwand und verrieb das Ganze.
Ganz schrumpelig das Ding! -blaffte er, nachdem er sein linkes Auge darauf geworfen hatte.
Im Schuppen, Kleines. Marinblau!
Ui, Danke!
Sofort sprang das kleine Mädchen durch die wässrige Luft, segelte in das Haus und nach einigem Poltern wieder zu uns zurück.
Was für schöne Farben! Hier ist es!
Achja? Schön, sagst du? –raunte der Wolkenmaler.
Jaaaa, wundervoll! schwärmte sie.
Na, du scheinst ja was zu taugen. Mal sehen, ein Tropfen dürfte reichen, damit die Brücke wieder wächst.
„Brücke, aber der Baum, wieso Brücke?“ stotterte ich.
Menschenvolk! Nur weil sie die Augen neben- und nicht übereinander haben, denken sie alles wächst nach oben! Natürlich wächst da ein Baum draus, SIE! Der Baum ist die Brücke! Hat man denn noch Töne!
Wieder begann er leise in sich hinein grummelnd zu malen.

Lass uns gehen! bat mich das kleine Mädchen etwas nervös. Doch ich hatte das Gefühl, dass wir hier noch nicht fertig waren. Erst jetzt bemerkte ich, was der Tropfen Marinblau in dem Samen auslöste.
„Schau, sieh nur! Er keimt!“
Eine kleine grüngoldene Knospe streckte ihren Kopf aus der eingerissenen Hülle.
Oh danke, lieber Wolkenmaler!
„Wie kommt es eigentlich, dass wir unter Wasser sind und atmen und ein Meer voller Wolken hier finden?“
Du stellst gerne Fragen, WAS?
Mürrisch, aber auch so, als wisse sie genau, was er damit meinte, sah er das kleine Mädchen an. Sie nickte.
Ja, sei ihm nicht böse. Mich fragt er auch oft.
Na, weil du es bist. Woraus bestehen denn Wolken?
„Aus Wasser…“, antwortete ich etwas verlegen.
AHA! Aus Wasser! Was wunderst du dich dann noch, dass sie im Meer gemacht werden? Und einer muss sie doch machen! Und jetzt muss ich arbeiten. Alle Wetter!

„Da wäre noch eine Frage…“
Donner, Potzblitz noch eins! Was ist denn noch? –  einige Gewitterwolken huschten jetzt über seine Leinwand.
„Die Wolken über der Insel, sie sahen so unnatürlich aus…“
Ah, hm. – plötzlich wurde der alte Wolkenmaler nachdenklich.
Kommt mit!
Gemeinsam schwebten wir in seinen Schuppen. Er wirbelte etwas Staub vom Boden und öffnete eine Kellerluke.
Hier runter!
Immer tiefer stiegen wir hinein in eine Art Archiv. Überall hingen oder standen Bilder von Landschaften, Wettern und Wolken aller Art.
Es ist der letzte Weg zur Insel. Ich werde euch hineinmalen müssen. Hier Kleines, nimm‘ diese Farben!
Dieses Mal machten wir beide, das Mädchen und ich, ziemlich verblüffte Gesichter.
Aber wie?

Berufsgeheimnis! – donnerte der Wolkenmaler.
Keine Menschen! Ist verboten. Doch ihr habt den Samen. Wusste, dass mal jemand kommt. Hab das Bild aufgehoben, ist schon etwas äl… na wo ist es denn das olle Ding, ahja hier!
Vorsichtig zog er ein altes viereckiges Tuch aus einem maroden Regal hervor. Darunter das Bild der Insel, wie ich es vom Leuchtturm aus gesehen hatte, düster in der Nacht, umhangen von finster drohenden Wolken.
Die Farben, Kleines, schütt‘ sie aus! Nur ihre Flaschen brauchen wir! SO! Ja, genau! Und jetzt kipp‘ das Bild in die Flaschen. Nana, worauf wartest du denn?

Langsam kippten wir gemeinsam das Bild zur Seite und sofort rannen die Farben jeweils in ihre eigene Flasche.
Ihr springt jetzt hinein und ich male euch und die Insel wieder drüber. Als hätte ich sonst nichts zu tun! Alle Wetter! Worauf wartet ihr denn noch? brummte er.
Aber wohin schickst du uns? fragte das Mädchen mit zittriger Stimme.
Keine Angst, Kleine, ihr kommt in meinem alten Haus raus und werdet schlafen. Außerdem haste DEN DA ja bei dir! Bisschen blöd um die Nase, aber scheint mir doch von der richtigen Art zu sein!
Nickend und mit einem verschämten Lächeln nahm ich das kleine Mädchen bei der Hand.
„Na dann, los!“

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