Das Einsame Haus – Part V


Insel3

 

V Insel der Farben

Ich erwachte in ergrautem Braun alter Stämme, übereinander gelegene Träume, die einst das Heim des Wolkenmalers gewesen sein mussten. Ermattete Farben schichteten sich zu einem einzelnen Raum, spärlich möbliert. Fahles, dämmriges Licht bahnte sich weiß perlend, jedes Staubkorn zu fliegenden Quallen erhellend durch die Ritzen der hölzernen Hütte. Von draußen schwammen die Rufe der Möwen, der sich in einem letzten Rauschen ans Ufer fallen lassenden Wellen an mein Ohr. Und eine mir wohl bekannte Mädchenstimme tanzte rufend und johlend durch die Luft.

Oh schau! Komm! Komm, raus! Das musst du sehen!
„Was ist denn los?“ Etwas verschlafen schleppte ich mich aus der alten Hütte.
Du hast aber lange geschlafen! Sieh nur! Die Bäche! Sie kommen von da oben.
Ich rieb mir die Augen, um den letzten Schlaf von ihnen zu wischen und dann gleich noch einmal, als ich sah, welches Bild sie erblickten. Auch die Insel schimmerte in Perlmutt und Grau, ohne Farben, auf den ersten Blick jedenfalls. Ein riesiger Berg von dunklen Wolken und von im Wind schnarchenden Bäumen umhüllt schlief in ihrer Mitte. Das Gras wiegte sich silbrig zu glitzernden Wiesen die Hänge hinauf. Doch das Eigenartigste zeigte sich zwischen all den farblosen Gemälden. Die vielen kleine Bäche, die sich den Berg hinab ins Meer schlängelten. Farben, so viele der Regenbogen nur kannte, gurgelten munter in ihren plätschernden Betten. Ja, ihre Wasser bestanden aus nichts anderem als Farben!

Sieh nur!
Das Mädchen tauchte eine Hand in den Bach, der sich nur wenige Meter neben dem Haus ins Meer ergoss. Sofort nahm ihre winzige Hand die Farben in sich auf. Erst jetzt bemerkte ich, dass auch das Mädchen, ja dass sogar ich ohne jede Farbe, nur in einem silbrigen Schimmer zu sehen war. Nur ihre Augen schimmerten noch rehbraun, hell wie ihr funkelndes Lächeln. Das Mädchen sprang fröhlich zu einer schwarz-silber blühenden Rose und berührte sie. Sogleich erstrahlte ihre Blüte in einem satten und tiefen Rot und die eben noch bunte Farbe schwand aus der Hand des Mädchens.
Ach schön! Guck nur!
Da sah ich die grünen Flecken, überall auf der Wiese verstreut, wie von einem leckenden Farbeimer herabgetropft, rund um das Mädchen herum. Sie sprang gerade mit beiden nackten Füßen in den Bach und rannte dann wild tanzend, sich drehend und kreisend über die Wiese. Überall, wo sie den Boden berührte, begannen die passenden Farben sich sesshaft zu machen.
Huuuuuuui! ICH bin ein Piiiiinsel! Huuuuuuui! Und jetzt im Ganzen!
Schon war sie an einer tiefen Stelle ganz in den Bach hineingetaucht, wälzte sich dann über beide Backen strahlend im Gras und malte mit allen Gliedern rudernd einen Farbenengel. Ich legte mich neben sie.

Lange schauten wir in den weiß glitzernden Himmel, der nur über dem Fuß der Insel hell erleuchtet war.
Jetzt weiß ich, warum der Wolkenmaler umgezogen ist. Er konnte den Himmel nicht bunt machen.
„Hm… weißt du, ich denke, wir sollten eine gute Stelle für deinen Traumsamen finden.“
Ich zog das winzige Pflänzlein aus meiner Tasche und reichte es dem Mädchen. Wie wir beide war auch er erblasst, doch leuchtete weiter, matt und kristallklar.
Sanft umschloss das Mädchen den Traumsamen mit beiden Händen und hielt ihn an ihr Herz. Tränen liefen ihre Wangen hinab, bis ein einzelner salziger Tropfen ihn berührte.
Da leuchtete ein goldener Funken in ihm auf, wie das Glühwürmchen, das um ihren geheimnisvollen Namen tanzte, wenn man das Mädchen danach fragte. Pulsierend erwachte der Samen in ihrer Hand und begann zu singen:

Hinauf, hinauf zur Quelle
bette mich… bette mich mein Herz.
Fließe, fließe, königlich Helle,
hinaus…hinaus fließt dein Schmerz.
Hinauf, hinauf zur Quelle!
Inmitten aller Farben ward ich geboren,
dunkel, so dunkle Stelle,
wo ruhen unsre Gaben, so lang verloren,
trugst einst unser beider Licht,
in die Liebe warst du geboren,
einsam, einsam war nur ich…
bist du nicht…
nur ein Samen…
voll der Liebe Licht.

Das Pulsieren verebbte mit dem letzten Vers des Samens, der nun wieder matt schimmernd, eine kleine Knospe auf sich tragend, in ihren Händen ruhte, benetzt von schweigend fallenden Tränen. Oh nein, was war mit ihren Augen geschehen? Erschrocken sah ich, dass die Augen des Mädchens erloschen waren. Alle Farbe war nun aus ihnen geronnen und in ein mattes Grau gehüllt. Blind in ihrem Kummer und Schmerz schaute sie zitternd über den Samen hinweg.
„Komm! Halte ihn schön fest und gib mir deine Hand. Hab keine Angst, ich bin bei dir! Lass uns den Bächen folgen! Es ist jetzt Zeit! Komm, hab keine Angst!“

Wo sind wir? fragte sie mich immer wieder, vorsichtig einen Fuß tastend vor den anderen setzend, als wir dem Gurgeln der Farben folgend den Berg hinauf wanderten. Auch für mich wurde es nun schwieriger etwas zu erkennen. Die immer dichter sich zusammenziehenden Wolken warfen weite Schatten und nur an wenigen Stellen brach sich das silbrige Sonnenlicht einen Weg zum Boden, wo uns nun Farne und hohe Nadelbäume benetzt von lichten Taukristallen umgaben.
„In einem Bergwald. Die Bäche werden nun schmäler. Wir müssten bald am Gipfel sein.“

Arrrgh, nein, wo bist du? Hilf mir!
Ich war gestolpert und hatte die Hand des Mädchens kurz losgelassen.
„Hier bin ich… eine Wurzel… habe ich glatt übersehen. Merkwürdig, sie führt zu keinem Baum. Sie… sie führt nach oben.“
Zeig sie mir!
Ich führte ihre linke Hand zur Wurzel. In ihrer rechten hielt sie tapfer den knospenden Samen.
Oh ja, ich kann es… sehen. In mir drin. Das ist es! Hier geht’s weiter!
„Und die Bäche?“
Keine Angst, das ist der Weg. Die Bäche werden vor dem Ziel versiegt sein. Ich… ich erinnere mich. Wir müssen jetzt anders sehen, um uns nicht zu verlaufen!
„Anders?“
Hiermit!
Sie zeigte auf ihre Brust.
Schließe deine Augen! Die Wurzel ist breit genug. Meine Füße können sie spüren. Oh wie schön! Los, probiere es auch! Zieh deine Schuhe aus!

Etwas skeptisch entblößte ich meine Füße und stellte mich hinter dem kleinen Mädchen auf die mannsbreite Wurzel.
„Und nun? Ich sehe nichts.“
DU musst deine AUGEN schließen!
Langsam, noch etwas unsicher auf dem Holz mich ausbalancierend, schloss ich meine Augen. Um mich herum schien alles dunkel, durchwebt von den Rinnsalen der immer kleiner werdenden Bäche. Mein Herz pochte bis an meine Ohren. Und nun sah ich sie, strömende Farben unter meinen Füßen zu einem hellen Licht – fast wie einem Stern – den Berg hinauf fließen.
„Ja, ich sehe es auch!“

Wie der Bach zuvor schlängelte sich die Wurzel zu unseren Füßen den Berg empor. In meinen Augenwinkeln – konnte man es so nennen? – gesellten sich bald viele andere bunt fließende Wurzelbahnen hinzu, steuerten alle dem Sternenkranz aus Licht am Gipfel des Berges entgegen. Unbeirrt setzten wir Schritt um Schritt. Bald schon konnten wir wieder nebeneinander laufen und uns die Hand reichen. Nach einer Biegung verschwand plötzlich das Sternenlicht und alle Wurzeln kletterten, nun nur noch zu wenigen Hauptadern vereint – es müssten an die zwölf gewesen sein – auf die Kuppe des Berges. Ich öffnete meine Augen. Das Zentrum der Insel, ein weiterer Hügel, war an seinem Fuß umschlossen von mehreren hohen, zerklüfteten Felsen. Schmal und kantig wie die Mauern einer Burg verbargen sie die Sicht auf alles, was dahinter lag. Die Wurzeln überwucherten die fast senkrecht abfallenden Hindernisse mühelos.

Da vorne ist sie, die Höhle zur Quelle!
Tatsächlich! Dort, wo unsere Wurzel ihren Weg über die Felsen nahm, klaffte ein großes Loch, wie ein Tor zwischen dem Gestein.
„Wie konntest du sehen, was dort…“
Ich sehe es nicht! Du musst mich führen! Ich erinnere mich bloß.
Mit ausgestreckter Hand tastete ich unseren Weg durch den dunklen Eingang. Oder war es ein Ausgang?
Der Traumsamen begann sich zu regen. Unruhig kullerte er in der Hand des kleinen Mädchens hin und her. Es gab fast keine Geräusche, nur das Echo fallender Tropfen hörte man wie fingerhutgroße Glockenschläge von den Wänden widerhallen.

WER wagt es, hier einzudringen?

Wir hielten beide den Atem an. Vor uns bewegte sich ein Schatten.

WER wagt es, MICH zu stören?

Der Aaaaangstmacher, flüsterte das Mädchen und klammerte sich fest an mich.

WER seid ihr? ICH kann euch sehen.

„Zeig dich, Schatten! Denn dies ist UNSER Weg. Sprich DU, wer DU bist?“

Ich bin der, der im Dunkel lebt, der alles dunkel sieht.
Ich sehe Schmerz und Wunden.
Ich sehe alles, was nicht Liebe ist, unumwunden.
Ich sehe das Leid, das ein anderes gebiert.
Ich sehe eine Zeit, die alles Licht verliert!

„Schweig! Du siehst GAR nichts!“

SO ist es. Alles, was nicht ist, sehe ich offenen Auges. Und was nicht ist, ist dunkel und ist ohne Liebe!

„Schweig und schließe dein feiges Auge! Wir sehen sehr viel mehr als das! Geh mir aus dem Weg!“

WEN hast du bei DIR? Was trägst du mit Dir? SAG mir deinen Namen.

Verrate es ihm nicht! Bitte! Er macht mir Angst! wimmerte das Mädchen.

Obwohl nicht wusste, ob das Mädchen es sehen konnte, zwinkerte ich ihr zu und ging auf den Schatten zu.
„ICH, ich bin der, der im richtigen Augenblick durch DICH, körperlosen Schatten, hindurch geht. DEINE Zeit ist vorbei!“
NEIN, wage es nicht… richtiger Augenbl…
Noch bevor er seinen Spruch vollenden konnte, war ich durch ihn hindurch gegangen. Plötzlich strömte ein helles gleißendes Licht vom anderen Ende der Höhle in die Pforte und durchflutete den Raum.
„Du kannst kommen, folge meiner Stimme. ER ist fort.“

Gemeinsam, noch etwas zittrig auf den Beinen, aber glücklich gingen wir den Hügel hinauf, hin zum Licht, hin zur Quelle. Und was für Anblick sich uns bot, als wir oben angelangten! Von den Wurzeln, die am Fuße des Hügels in der Erde verschwunden waren, gab es hier oben nichts zu spüren. Ihre Farben hatten sich einem hellen Lichtschein vereint. Nur ein Spiegel stand inmitten einer lockeren Erde und spiegelte das Sternenlicht über ihm in abertausenden Facetten. Vorsichtig führte ich das Mädchen vor den Spiegel.

„Hier, sieh dort hinein! Du musst deine Augen wieder öffnen!“
Und was, wenn ich immer noch blind bin? – das Mädchen petzte die fest die Augen zusammen.
„Das bist du nicht, das warst du nie! Sieh nur!“

Plötzlich löste sich das Mädchen in Licht auf. Mit offenen Augen und sich und alles um sie herum in neue Farben kleidend stand sie nun dort, wo vorher der Spiegel stand. Auch er war verschwunden. In beiden Händen hielt sie ein Stück frischer Erde, aus der der Traumsamen schon einige Zentimeter in Richtung Himmel spross.

„Worauf wartest du? Pflanze ihn ein!“
Sorgsam setzte sie den Samen in die Erde zu ihren Füßen. Da begann der ganze Hügel zu beben. In der Ferne sahen wir das Festland mit dem Einsamen Haus. Alle Fenster waren hell erleuchtet.
Etwas abseits polterte mit einem Mal eine riesige Steinbrücke aus dem Meer empor und verband die einst getrennten Ufer. Gerade noch rechtzeitig konnten wir zur Seite springen. Denn im selben Moment war ein riesiger, weit verzweigter und wunderschöner Baum vor unseren Füßen aus dem Boden geschossen.

Sieh nur! Der dritte, der letzte Wirbel! – rief eine junge Frau und zeigte auf ein großes Astloch vor uns im Baum.
Dann fiel ich und fiel… in einen tiefen Schlaf.

Wieder wandelte ich durch die Gassen einer alten Stadt, diesselbe Stadt, in der ich das Mädchen zum ersten Mal getroffen hatte. Es war helllichter Tag und wie im Schlaf führten mich meine Schritte geradewegs zu dem Einsamen Haus. Doch ich schien nicht zu schlafen. Es war kein Traum. Nicht nur. Ich staunte nicht schlecht, als ich das völlig intakte Gebäude vor mir sah. Eifrige Stimmen waren aus seinem inneren zu hören. Ich klopfte und eine wunderschöne öffnete mir die Tür.

Du kommst genau im richtigen Augenblick!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s