Vom Fisch in der Wüste


Es war einmal ein kleiner Fisch im Meer, der liebte das Meer: er liebte dessen Weite, sein Spiel aus Licht und Schatten, die flachen bunten Küsten und die unterseeischen Berge in schier unergründlichen Tiefen. Er liebte all die Wesen darin, liebte es, frei überall hin zu schwimmen, umgeben von den warmen und kühlen Strömen, unsichtbar von ihnen gehalten, mal süße, mal salzige Wasser atmend.

Doch eines Tages erschütterte ein Beben das Meer um den kleinen Fisch. In tiefer Nacht wurde er auf einer gebirgshohen Welle über den Rand des Meeres geschleudert und verlor sein Bewusstsein. Als er erwachte rang er in einer Pfütze liegend schmerzvoll nach Atem. Die Sonne brannte aus trockener Luft und wie sehr er auch strampelte, seine Lungen blieben leer.

Da kam ein Wesen auf zwei riesigen Beinen, umhüllt von schwarzen Tüchern, sammelte den kleinen Fisch auf und trug ihn mit sich fort. „Wo bin ich?“, flüsterte der völlig erschöpfte Fisch. „Du bist in der Wüste.“, antwortete die Gestalt. „Aber ich kann ja gar nicht richtig atmen!“ „Das ist doch leicht! Und wenn du es nicht kannst, werde ich es dich lehren. Denn dies ist meine Heimat! Keinen Ort kenne ich besser!“ „Wer oder was bist du?“ „Ich? Ich bin ein Beduine. Aber wer bist DU? So ein komisches Wesen wie dich habe ich ja noch nie gesehen!“ „Ich bin ein Fisch und komme aus dem Meer.“ „Aus dem Meer? Ich auch! Aus dem Meer des Sandes, der Sonne, der Sterne und des Windes!“ „Ich komme aus dem Meer aller Wasser.“ „Oh, das Wasser ist uns Beduinen das heiligste Gut! Wenn du aus dem Meer aller Wasser kommst, musst du ein Gott sein.“ „Heilig? Gott? Ich weiß es nicht. Ich erinnere mich kaum. Seltsam ist es hier. Wie soll ich hier überleben?“ „Habe keine Angst!“, antwortete der Beduine, „Komm mit mir und ich sorge für dich.“ „Nun gut, ich will dir vertrauen, da du das Wasser ja genauso liebst wie ich!“

Der Beduine war ein weiser Mann der Wüste und hatte ein großes Herz. Immer wieder gab er dem Fisch zu trinken aus seiner Flasche und trug ihn schützend unter seinem Gewand. Er war so eins mit dem Sand, der Sonne und dem Wind, dass er  den kleinen Fisch sogar lehrte, auch Luft zu atmen. Es schmerzte den kleinen Fisch zwar, aber mit jedem Tag ging es etwas leichter. Manchmal kamen sie sogar an eine Oase und der kleine Fisch freute sich über das Wasser und darüber, endlich wieder schwimmen zu können. So eng und klein die Tümpel waren, tief in seinem Herzen erinnerte der kleine Fisch sich daran, was es heißt frei zu sein.

So zogen der Beduine und der kleine Fisch Jahr um Jahr durch die Wüste und wurden Freunde. Der weise Mann erklärte dem kleinen Fisch auf ihren Reisen alles über seine Heimat, zeigte ihm voller Begeisterung die unbeschreibliche Schönheit der Sterne, der Sonne und des Sandes in all seinen Farben. Dennoch bemerkte er, wie der kleine Fisch von Tag zu Tag trauriger wurde. „Warum bist du so traurig, kleiner Fisch?“, fragte der Wüstenwanderer eines Tages. „Sieh doch, wie schön die Sonne heute untergeht! Genieße jeden Moment! Er ist ein Geschenk.“ „Mir fehlt das Wasser, mir fehlt das Meer.“, antwortete darauf der kleine Fisch.

Also kaufte der weise Beduine dem kleinen Fisch auf einem Basar ein Becken. Und wie freute sich der Fisch darüber! Er war seinem Freund so dankbar und sprang freudig in seinem Aquarium auf und ab. „Ja!“, sagte der kleine Fisch, als sie eines Abends wieder in den Sonnenuntergang schauten: „Wie Recht du hast, es ist wirklich schön hier!“

So zogen sie viele weitere Jahre durch die Wüste. Doch wieder wurde der Fisch von Tag zu Tag trauriger. „Was hast du denn nun schon wieder, kleiner Fisch? Jetzt komm mir nicht schon wieder mit…“ Der Beduine hielt in seinen barschen Worten inne. Denn er ahnte, welche Antwort er erhalten würde und war sichtlich gekränkt. Genügte er dem Fisch denn nicht?
„Das Meer, mein Meer, das aus Wasser! Es fehlt mir!“, klagte der kleine Fisch in seinem Glas. „Es ist so weit und dieses Becken ist so eng!“. Beschämt von seinem Geständnis senkte der kleine Fisch seinen Blick. Wusste er die Liebe des Beduinen doch zu schätzen und war ihm so unendlich dankbar. Der Beduine sah das Leid des kleinen Fisches und bereute seinen harten Ton. „Ich weiß.“, sagte er endlich. „Bitte lieber Freund, hilf mir ins Meer zurück!“, bat ihn der kleine Fisch. Der Beduine seufzte. „Aber ich weiß nicht, wo es ist.“

Der kleine Fisch begann zu weinen und Tränen aus Salz rannen seine Kiemen herab. „Ich weiß, dass ich glücklich sein sollte, dass du mich gefunden und gerettet hast und mir all die schönen Dinge gezeigt hast.“, schluchzte er. „Ich sollte im Hier und Jetzt leben und all das! Du bist ein weiser Mann! Doch da ist ein Schmerz, der einfach nicht aufhören will. Ein Gefühl, das ich kenne, aber lange nicht mehr fühlen durfte und von dem ich jede Nacht träume. Wie ginge es Dir, keinen Sand mehr zu sehen, das Flimmern der Sonne in der Luft, das Wandern der Dünen und Sterne?“ Da weinte auch der Beduine und fasste sich ein Herz: „Ich helfe dir, kleiner Fisch! Ich kenne das Meer aus Wasser zwar nicht. Aber es gibt Karawanenführer, die weiter reisten, als mein Volk es je getan hat. Sie können bestimmt helfen.“

So suchten sie viele Tage und Monde nach jemanden, der den Weg zum Meer kennt, bis sie endlich an einem kleinen Dorf unterhalb einer versiegten Quelle einen alten Mann trafen, den alle für verrückt, wenn gleich recht weise hielten. Aber auch dieser verrückte Alte hatte das Meer noch nie gesehen. Doch er sang immer wieder ein Lied aus alten Tagen, einer Zeit vor den Brunnen und Oasen:

„Aus der Quelle sprang ein Bach,
dort kommen wir her,
aus diesem sprang ein Fluss
und dieser sprang ins Meer.

Die Sonne aß bebend erst die Quelle,
trank Bach und Fluss und trank sie alle leer.
Sie spuckte Sand auf gar jede Stelle
und uns spuckte sie ins neue Meer.

Sieh das alte Bett, wo ich einst lag,
bis hinein zur Schlucht und wieder her,
so rauscht der Winde Wellenschlag
an die Küsten aus Stein,
singt von den Straßen hinein ins Meer.“

Da erinnerte sich der Beduine an die alte Geschichte seiner Großmutter, dass einst alle Oasen verbunden waren und man nur den Furchen der alten Wasserstraßen folgen müsse. So orientierte sich sein Volk seit Generationen in der Wüste und fand stets Wasser. Jedoch die letzte Oase, aus der alles Leben stamme und in die alles Leben zurückkehre, so hieß es in der Geschichte, sehe nur der, der die Küsten aus Stein fände. „Da gibt es eine Schlucht im Westen!“, rief der Beduine plötzlich. „Natürlich! Die Schlucht des Todes! Dort bringe ich dich hin!“

Nach vielen Wochen erreichten sie die Schlucht. Die Reise war beschwerlich. Sie beide waren nun so weit entfernt von allen Oasen, wie an keinem anderen Ort, den der Beduine kannte. Um die alte Quelle im Dorf gab es viele Oasen und Handelswege. Hierhin aber, zu der Schlucht des Todes, so sagte man, ginge man nur, um zu sterben. Gruselgeschichten über rauschende Klippen, die sich auf Reisende stürzten und sie mit Salz ertränkten, kamen ihm in den Sinn. Und tatsächlich, je näher er der Schlucht kam, umso mehr konnte auch der Beduine ein fernes Rauschen hören.

„Das ist es! Ich kann es hören! Oh wie wunderbar!“, rief da der kleine Fisch. Sein Freund der Beduine war kreidebleich. Hier sollte also das Meer aller Wasser sein? Jetzt dreht der Fisch völlig durch! Mit wackligen Knien stieg er den Fisch tragend die Schlucht hinab. Sie waren umhüllt von Schatten. Eine Biegung folgte auf die nächste und das Labyrinth schien kein Ende zu nehmen.

Seit drei Tagen gingen sie nun schon durch den Abgrund. „Wir haben uns verlaufen!“, jammerte der Beduine. „Nein-nein! Hör doch! Wir müssen dem Rauschen folgen!“, ermunterte ihn der kleine Fisch. So ganz geheuer war dem Beduinen das nicht. Immer wieder sah er nach oben und suchte nach den Sternen, nach etwas, woran er sich orientieren könnte -immer auf der Hut vor den rauschenden Wänden. Aber er vertraute seinem Freund. Und tatsächlich, am dritten Tag öffnete sich ein Spalt zwischen den Gängen und Licht durchflutete ihren Weg. Das Rauschen war jetzt zum Greifen nah.

Endlich sahen sie es: das Meer. Erst als wabernden Schimmer, dann, als die Klippen zum Strand hin mündeten, in seiner vollen Größe! Der Beduine fiel auf seine Knie. „So viel Wasser! Das muss der Himmel sein.“ Sofort rannte er auf das Ufer zu, stellte das Glas mit dem Fisch ab und bückte sich, um zu trinken. „NEIN!“, rief da der kleine Fisch. „TU das NICHT! Das Meer ist salzig. Du würdest sterben.“ Da erkannte der Beduine den Sinn der alten Geschichte. Behutsam öffnete er das Glas und schüttete den kleinen Fisch zurück ins Meer: „Danke, kleiner Fisch! Jetzt hast du mir ebenso das Leben gerettet!“

„Du hast dich selbst gerettet, geliebter Freund! Denn nun erkenne ich mich endlich selbst. Seit Generationen lag ich in der Pfütze, bevor du mich gefunden hast. Ich bin der Geist der Quelle deines Landes. Jetzt da ich zurückgekehrt bin, kehrt auch der Fluss in deine Heimat, zur Quelle wieder. Geh nur nach Hause, wir werden uns wieder sehen, geliebter Freund! Einmal im Jahr, wenn ich Hochzeit halte, schwimme ich ins Dorf deiner Ahnen zurück.“

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