Der Königin ängstliche Berater


Es war einmal eine wunderschöne Königin, deren Berater sie immer wieder vor Kriegen, Räubern und Plünderern warnten. Denn mühsam hatten sie die Geschichte ihres Landes und all die Verheerungen vergangener Zeiten studiert. Noch der Königin Vater war einst im Krieg ums Leben gekommen und die Wunden der Ahnen riefen aus den Büchern und Erinnerungen zu ihnen. Also drängten die Berater die Königin dazu, immer größere Burgen und Wälle zu bauen, sie mit immer mehr Kriegern und Wächtern auszustatten. Der Schutz der Königin war ihr oberstes Ziel. All diese Maßnahmen kosteten eine Menge Energie und Steuern im Land. Alles musste in Schuss gehalten werden. Was für eine emsige Arbeit! Stolz blickten die Berater auf ihr Werk, als sie der Königin berichteten: „Geliebte Herrscherin, Euer Land ist nun sicher!“

Die Königin lobte ihre Berater, aber sie war auch eine weise Frau, die mit reinem Herzen beschenkt war. Voller Zweifel schaute sie sich immer wieder die Wehranlagen an. Tag um Tag verging und ihr Unbehagen wuchs. Als sie ihren Beratern davon erzählte, erschraken diese zutiefst. Was, wenn das Gefühl ihrer Königin etwas zu bedeuten hatte? Sie, die für ihr Feingefühl und ihre Intuition weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt war! Sofort veranlassten die Berater neue Steuern und Baumaßnahmen. Doch das Gefühl der Unsicherheit blieb.

Eines Tages beschloss die Königin tief in sich hinein zu horchen und ihrem Gefühl auf den Grund zu gehen. Nach sieben Tagen berief sie ihre Berater zu sich ein: „Meine lieben Berater, lange hege ich schon Zweifel an all dem Schutz, den ihr hier errichtet. Lange fühlte ich mich unsicher. Nun weiß ich, was dieses Gefühl auslöst. Wo sind die Feinde, von denen ihr immer wieder sprecht? Kein einziger hat bis heute versucht uns anzugreifen? Wozu brauche ich euren Schutz?“

Da erschraken die Berater erneut und schlugen eilig ihre Geschichtsbücher auf. Vielleicht war ihr Schutz so gut, dass es niemand versuchen wollte? Aber nein, das hatte auch früher niemanden abgehalten! Was war es dann? Sie mussten eine Lösung finden! Was, wenn die Königin ihren Schutz wirklich nicht brauchte? Oder schlimmer noch: Was, wenn die Königin sie überhaupt nicht brauchte? Da hatten sie eine Idee: sie würden heimlich ein Söldnerheer beauftragen, das Schloss der Königin immer wieder anzugreifen, es jedoch nie ganz einzunehmen.

So kam der erste Krieg und der zweite und dritte. Nun glaubte die Königin ihren Beratern voller Dankbarkeit und die Berater atmeten auf. Als jedoch wieder eine lange Zeit des Friedens angebrochen war und der vierte Krieg anstand, sahen die Berater, dass die Schatzkammer viel zu leer war, um überhaupt die Trümmer des letzten Krieges zu beseitigen, geschweige denn ein neues Söldnerheer zu bezahlen. Das Volk konnte auch nicht noch mehr Steuern bezahlen und die Wehranlagen des Schlosses verfielen, bis kein einziger Wächter mehr bezahlt werden konnte.

Voller Angst traten die Berater vor ihre Königin. Nun würden sie sicherlich bestraft werden, glaubten sie. Doch ihre Königin blickte sie voller Güte und ohne jede Angst an. Denn nach all den kräftezehrenden Kämpfen ging es ihrem Volk wieder besser und sie selbst fühlte sich endlich sicher und ruhig. Mit zitternden Stimmen erklärten die Berater der Königin, dass die Kriegskasse leer sei und kein Schutz mehr errichtet werden könne. Die Königin lächelte verdächtig. Ahnte sie was? „Soso?“, rief sie mit gespielt ernster Stimme. „Und wer soll mich nun vor all den vielen Feinden schützen, vor denen ihr mich all die Zeit gewarnt habt?“ In ihrer Not nahmen die Berater all ihren Mut zusammen und gestanden, was sie getan hatten: „Liebste Königin, vergebt uns! Es gibt keine Feinde und es gab auch nie welche. Deshalb hatten wir Söldner bezahlt, damit all der Schutz nicht vergebens und unser Urteil nicht falsch war!“

Als die Königin den Mut ihrer ängstlichen Berater sah, vergab sie ihnen und gemeinsam bauten sie ein neues offenes Land, das grünte und erblühte. Alles wuchs und gedieh unter der sanften Hand der Königin und Frieden, Glück, Fülle und Liebe waren überall. Da erkannten die Berater das reine Herz ihrer Königin und verstanden, warum nie ein echter Feind gekommen war.

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