Das müde Wölklein


An einem grauen Frühlingsabend fiel eine kleine Wolke durch mein Fenster. Mitten hindurch durch das Glas und das kühle Nieseln, das in langsamen Fäden das erste Grüne durchzog. Die kleine Wolke schwebte zu meinem Sofa und ließ sich mit einem raschelnden „Uff!“ neben mich plumpsen.

Ganz zerzaust wirkte die kleine Wolke, die goldenen Strähnen ihres Sonnenhaars wild in allen Wölbungen hängend. Sie trug der Tageszeit entsprechend ein grau-rot-golden schimmerndes Abendkleid, durchwebt von dunkel-violetten Rundungen. Ihr Saum glänzte schneeweiß und puffte mit jedem Atemzug etwas auseinander, um dann in kleinen hellen Rauchfäden zu verschwimmen.

„Endlich bin ich da! Du hattest dich ja lange versteckt!“, stöhnte das Wölklein.
„Ich? Ähm du? Du kannst sprechen?“
„Aaaach, ja! Doch ich bin soooooo müde! So müüüüüüüde!“, gähnte es und zwei weiße Kringel, die wie Augenlider aussahen, zeigten sich, um kurz darauf nach unten zu klappen. Ich traute meinen Augen kaum! Für einen kurzen Augenblick sah ich etwas Goldenes in der kleinen Wolke. Es pulsierte in ihr.

Da schnellte sie plötzlich wie vom Blitz getroffen hoch! „Huch! Nicht schlafen! Ich bin ja da! Dich hab ich gesucht!“ Sie streckte sich kurz, wälzte ihren fluffigen Körper etwas tiefer in die Couch und begann zu erzählen.

Natürlich könne sie sprechen, auch wenn sie eigentlich vieeeel zu müüüüüde sei. Ich solle nicht so verwundert drein schauen, es seien ja schließlich meine Worte, die sie ihr ganzes Leben gehört habe. Da schnappe man so einiges auf! Warum sie so müde sei? Na von der langen Reise natürlich! Was sonst?

Im Meer sei sie geboren worden, wie viele ihrer Geschwister. Manche kämen ja auch aus Süßwasserseen. Doch viele Wünsche würden nunmal in Tränen gesprochen. Da lachte das kleine Wölklein:

„Du guckst ja komisch drein! Du hast wohl noch nie unsere Geschichte gehört?“ Ich schüttelte den Kopf. „Na gut, dann will ich sie dir erzählen!“, sagte das müde Wölklein. Zwei pummelige Ärmchen ploppten hervor und verschränkten sich hinter dem, was man einen Nacken hätte nennen können.

Dann ließ die kleine Wolke sich noch tiefer in die Couch sinken und erzählte weiter: „Geboren wirst du im Meer, gewollt wirst du in der Erde und der Himmel zeigt dir den Weg! Das haben sie uns schon im Wolkenkindergarten beigebracht! Du musst wissen, dass man als Wolke erst recht spät merkt, dass man eine ist! Also eine fertige Wolke!

‚Wir alle sind eins, sind unzertrennliche Tropfen, nur die Sonne gibt uns eine Form und der Wunsch eine Aufgabe‘ – so hieß es in der Wolkenschule. Weißt du, wir Wolken kommen aus der Erde, aus tiefen, ungesehenen Ozeanen. Dort sind wir alle verbunden und nur der Wille trägt uns nach oben, zur Quelle.

In den Bachläufen lernen wir dann das Gehen und in den Flüssen gehen wir zur Schule, doch sind längst noch nicht geboren. Eine Wolke wirst du dann, wenn du gerufen wirst! Alle Wolkenbabys schwimmen in Seen oder Ozeanen und wenn du gerufen wirst, dann hebt die Sonne dich in den Himmel!“

„Aber wer ruft denn Wolken aus dem Meer? Ich meine, also ich glaube, also ich dachte, ich habe gelernt, dass also, in der Physik…“, versuchte ich das Wölklein zu unterbrechen.

„Pfüüüüsik? Wer redet denn hier gerade mit einer Wolke?“, kicherte das Wölklein etwas müde in sich hineingähnend. „Wo war ich stehengeblieben? Achso ja! Es sind natürlich die Seelen, die uns rufen, Pflanzen, Tiere, Menschen. Sie haben ja soooo viele Wünsche!“

„Pflanzen rufen euch? Die haben eine Seele? Und Tiere? Und Menschen? Ja schon klar! Aber warum sollten wir euch rufen? Ich kann mich nicht erinnern, dass ich…“, warf ich verdattert ein.

„Achherrje ein Anfänger! Natürlich rufen uns Pflanzen! Was glaubst du denn, was sie am Leben hält? Und Tiere? Das ist ja noch einfach! Ihre Wünsche sind einfach! Doch Menschen… Naja, wozu war unsereins denn sonst auf der anthro-nubelischen Akademie im Marianengraben?! Sehr tiefgründiges Studium!

Jetzt guck nicht so! Ich erklär’s ja schon! Also: Jede Wolke hat eine Aufgabe. Seelenwünsche nach Hause zu bringen. Jeder Wunsch besteht aus Tropfen und jeder Tropfen hat ein Zuhause, einen Ort, wo er hin muss. Wenn du als Wolkenschüler bereit bist, dann sammelt die Sonne all diese Tropfen auf und fügt sie zu dem zusammen, was deine Bestimmung ist.“

„Und die wäre?“, fragte ich.

„Hast du denn immer noch nicht verstanden? Die Bestimmung der Tropfen ist es, eine Wolke zu sein. Und meine Bestimmung ist es, nach Hause zu kommen, dorthin, wo ich erträumt, erhofft, erbeten, erfleht und gewünscht wurde. Zu DIR!“

„Z-zu, zu MIR?“

„Jaaaaa, ach ist das lang her! So viele Stürme, Gewitter, so viel Wut, so viele Tränen! Als Wolke weißte nie, wohin es dich trägt. Nur woraus du gemacht bist. Trauer, Hoffnung, Schmerz, Liebe, aus all diesen Gefühlen. Nur der Wind weiß, wohin es dich trägt und jetzt bin ich da und müde, soooo müde!“

„Heißt das, dass alles, was ich gefühlt und gewünscht habe, dass das DU…?“, stotterte ich.

„Ja! Lass mich schlafen!“, flüsterte die kleine Wolke leise und umarmte mich. Es war, als sickerte sie in meine Brust und ich schlief ein. Am nächsten Morgen erwachte ich und die Sonne strahlte. Das Wölklein war verschwunden, doch ich fühlte, wie etwas Goldenes in mir pulsierte. Ich spürte, wie Tränen der Freude mein Gesicht hinab rannen… Alles war da!

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